Die Weihnachtsgeschichte nach Schmidt

Teil 1: Zu viele Bobs für einen Scrooge

“Marley ist tot!” sagte Bob jetzt zum fünften Mal in Folge und wimmerte dabei, wie ein kleines Mädchen. “Marley ist tot! Bob Marley ist tot!”

Scrooge schaute ihn mißmutig an.

“Bob Marley ist tot! Mausetot!” wiederholte Bob Cratchit.

Scrooge nahm seine Brille von der Nase, faltete die Bügel zusammen und legte sie fein säuberlich auf seinem Schreibtisch ab – parallel zu allen Schreibtischkanten. Dann erhob er sich von seinem Schreibtisch und sah Bob genau in die Augen.

“BOB MARLEY IST SEIT 26 JAHREN TOT.” brüllte er Bob an. “SEIT 26 VERDAMMTEN JAHREN. WARUM SOLLTE MICH DAS INTERESSIEREN????”
“Nun…” begann Bob, doch kam nich weit, da er jäh unterbrochen wurde.
“ANTWORTEN SIE NICHT! ARBEITEN SIE GEFÄLLIGST WEITER!” schrie Scrooge mit hochrotem Kopf.

So ging es jedes Jahr zu Weihnachten. Seit 1981 kam Bob Cratchit Jahr für Jahr in Scrooges Büro, um ihm mit Tränen in den Augen und voller Verzweiflung mitzuteilen, dass Bob Marley gestorben sei. Man muss dazu sagen, dass Bob’s Eltern so große Reggae-Fans waren, dass sie ihren Sohn nach dem jamaikanischen Künstler benannt hatten. Die Nachricht von Marley’s Tod traf ihn also verständlicherweise recht hart. So hart, dass er seitdem jedes Jahr, wenn er vier Kerzen auf dem Adventskranz und einen festlich geschmückten Tannenbaum sieht, wieder ins Jahr 1981 versetzt wird. Ein anderer Chef hätte vielleicht ruhiger reagiert, doch Scrooge war ein hysterischer Choleriker. Er kannte keinen anderen Tonfall, als ein aggressives Brüllen.

* * *

Es war kurz nach Feierabend und Scrooge hatte Bob gerade nach Hause geschickt, als ein in Lumpen gehüllter Mann den Feinkost-Laden betrat.

“GOOD MORNING HERR HORST!” schrie Scrooge den Bettler an.

Herr Horst schreckte zusammen und flüchtete sofort wieder in die winterliche Kälte. Scrooge konnte mit dieser Art von Menschen nichts anfangen. Sie sollten gefälligst arbeiten gehen, war seine Meinung, die er jedem erzählte, den es interessierte. Und jedem den es nicht interessierte.

Ohne auch nur einen Blick an die festliche Dekoration der kleinen Stadt zu verschwenden ging Scrooge nach Hause und atmete tief durch, als er endlich seine Haustür von innen hinter sich verschlossen hatte. Sofort schaltete er seine Stereoanlage an, aus der mit 120 Dezibel “Trigger” von In Flames schallte und setzte sich in seinen Ohrensessel. Scrooge öffnete die erste Dose Hansa-Pils.

So verbrachte er sein Weihnachtsfest. Jahr für Jahr. Doch dieses Jahr sollte es anders verlaufen: Nach der fünfundzwwanzigsten Dose, erschien Scrooge der Geist von Bob Marley.

“Ay, yo, lil’ Scrooge. Da nit gutta” begann der durchsichtige Rastaman. “No Weihnacht, no cry.”

Scrooge zog seine linke Augenbraue hoch und versuchte Bob Marley skeptisch anzuschauen. Bei diesem Versuch merkte er, wie ihm unwohl wurde. Er wandte seinen Kopf zur Seite und reiherte die letzten drei Liter Bier über das Laminat. Danach startete er einen zweiten Versuch des skeptisch Anschauens.

“No Weihnacht, no cry!” sang Bob Marley weiter. “Sri gho-o-sts, dem com’ing. Oh.”
“HALT’S MAUL!” fuhr Scrooge den Marley an.
“Dem com’ing. For Yah!”
“SCHNAUZE!”"
“”Sri gho-o-sts. For Yah!”
“VERPISS DICH!”

Scrooge wurde das ganze zu viel. Er sprang von seinem Sessel auf und schlug mit der rechten Faust nach dem Geist von Bob Marley. Dieser verpuffte kurz bevor Scrooges Faust ihn berühren konnte und Scrooge fiel mit dem Gesicht auf den Boden. Der Aufprall und der Alkohol sorgten dafür, dass er sofort einschlief.

Fortsetzung folgt…

Teil 2: Der Geist der Retrospektive 


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