Der Augenblick, in dem aus Gegenwart Vergangenheit wird

Ein letztes Mal schalte ich den Motor an dieser Stelle ab, ziehe die Handbremse und bleibe einen Moment sitzen. Jetzt ein Parkticket zu ziehen würde ein paar Cent mehr kosten und ich habe ja auch noch Zeit. Es ist ganz genau so, wie die unzähligen Male zuvor: Ich rutsche etwas tiefer in meinen Sitz, höre der Musik zu und warte darauf, dass die digitale Anzeige 17:45 Uhr verkündet.

Zieh dir etwas hübsches an und halte meine Hand.
Heute Abend ist der letzte Abend in diesem Land.

Die vier wird zur fünf und ich ziehe den Zündschlüssel. Ein letztes Mal gehe ich zu diesem einen Parkscheinautomaten und werfe Münzen ein. 10 Cent, 20 Cent, 2 Euro – egal welches Geldstück ich versuche, der Automat lässt es durchfallen. “Die letze Runde geht auf’s Haus, mein Freund!” und zum ersten Mal darf ich kostenlos diesen öffentlichen Kfz-Stellplatz nutzen. Einzig die Parkscheibe muss ich vorzeigen.

Man muss seine Freude teilen -
ohne Gnade und ohne Scham.

In meinem Rücken blitzen alle vier Blinker auf und ich höre wie mein Auto verriegelt. Ein leises “Bis nachher, mein Junge!“, das meine langsamen Schritte begleitet. Ein letztes Mal diese Seitenstrassen entlangschreiten. Vorbei an Garagen, Wohnhäusern und dem Parkhaus bis hin zu der Hauptstrasse und dem Atelco, vor dem ich so oft meine Pausen verbrachte. Soll ich die Tradition aufrecht erhalten und mir einen Cappuccino holen; die paar Schritte mehr über die Straße bis zum Subway gehen? – Nein, ohne den Milchkaffee mit zwei Tütchen Zucker wäre es nicht das Gleiche!

Es ist noch nicht einmal, dass etwas quält.
Es ist eher, dass du hier fehlst [...]

Also öffne ich die Türe und betrete direkt das Treppenhaus. Vier kurze Treppen muss ich ein letztes Mal gehen und jede Stufe nehme ich bewußter wahr als jemals zuvor. Alles ist so vertraut und mit jeder Berührung meiner Chucks auf den steineren Absätzen schießen neue Erinnerungen durch meinen Kopf. Die ganzen Stunden, die ich hier verbrachte werden komprimiert im Zeitraffer serviert. Dazu ein trockenes Glas Wehmut und einen Klos im Hals zum Dessert.

Und Wir heben unser Glas mit Demut
ich erinnere mich an alles und jeden.

Meine Hand berührt den Türgriff und öffnet langsam die gläserne Pforte. Ungewohnte Stille hallt mir entgegen als ich den kleinen Flur betrete. Sonst waren hier immer mehr Menschen aber heute sind wir im kleinen Kreis. Ich biege um die Ecke und sehe zwei meiner Wegbegleiter. Wohl an, dann werden die nächsten Schritte zu dritt zurückgelegt. Ein letztes Mal gehen wir in den Raum, nehmen Platz und geben wieder, was wir gelernt haben. Ein letztes Mal bringen wir zu Papier, was Wochen zuvor an dieser Stelle in unsere Ohren gedrungen ist. Ein letztes Mal schreiben wir Klausur und mit der Abgabe wird ein weiterer Lebensabschnitt enden. Die Sanduhr ist gedreht und die Zeit beginnt zu verrinnen. Mit dem letzten Korn, das zu Boden fällt wird meine aktive Stundentenzeit beerdigt werden.

Und plötzlich denkst du an alles auf der ganzen Welt.
Und es kommt dir so vor, dass es dir alles in allem mehr als gut gefällt.


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