Fräulein Wunder

Kann es sein das jede fünfte Bloggerin Fräulein Wunder heißt? Ich bin jedenfalls der festen Überzeugung das jeder (mittel-)große Bloghoster ein Fräulein Wunder sein Eigen nennen darf. Ja, selbst ich hätte mich fast Fräulein Wunder genannt und wäre zu blogger.com gegangen…

Wie dem auch sei, man kann als umtriebiger Blogger mehr Fräulein Wunder im Internet finden als Fische auf den Tischen chinesischer Geschäftsessen. Da war es ja dann auch nur eine Frage der Zeit bis dieser Trend auch auf den Real-Life-Server durchdringt und die Offline-Welt erobert: Der bonbonfarbene Bubblegum-Musiksender für die musikinteressierte (vornehmlich weibliche) Zielgruppe zwischen 9 und 15, der auf den einprägsamen Namen VIVA hört, hat jetzt sein eigenes Fräulein Wunder am Start. Es handelt sich dabei allerdings nicht um eine Moderatorin und auch nicht um ein YingYing-artiges Maskottchen sondern um eine Band. Vier Mädchen, die sich gerade im Endstadium des Brustwachstums befinden und vermutlich erste Erfahrungen mit der Entfernung ungewollter Körperbehaarung unterhalb der Augenbrauen machen, haben sich Gitarre, Bass, Schlagzeug und Mikrophon gekrallt und plärren etwas holprig (aber das ist ja Indie) ohne dabei allerdings auf eine massenkompatible, glattgebügelte Produktion zu verzichten, ihr Teenager-Gedankengut in die Weltgeschichte. Dabei versuchen die Girlies durch schrille Klamotten berechnend unangepasst zu sein, während die Frontfrau verzweifelt versucht wie Mieze von Mia. zu klingen.

Wann immer man auf den selbsternannten Musiksender wechselt kann man zurzeit die erste Single der Möchtegern-Indie-Rocker hören, die den Titel “Wenn ich ein Junge wär” trägt und das Mädchensein glorifiziert. Ein Thema bei dem wohl jeder, der vor 1985 geboren ist sofort an Lucilectric und “Mädchen” denkt. Aber gut, 14 Jahre nach Luci van Org und Ralf Goldkind darf diese Thematik natürlich wieder aufgegriffen werden. Erst recht, wenn man bedenkt, dass jeder zweite Song von Liebe und großen Gefühlen handelt.

VIVA gibt sich jetzt aber nicht damit zufrieden das erste Video der pinken Playbackband rauf und runter zu spielen, um so die Gehirne der Zielgruppe zu waschen sondern begleitet die Mädels zusätzlich mit einem Kamerateam. Der Zuschauer darf an dem kompletten Bandleben teilhaben und bekommt hautnah mit, wie es ist in einer Band zu sein. Dabei ist natürlich alles real und lebensnah. Die Dialoge und Handlungen sind spontan, zufällig und unvorhersehbar – so will man glauben machen. Blöd nur, dass die Damen neben ihrem Unvermögen bezüglich ihrer Instrumente auch schlechtere Schauspielerinnen sind als der Cast von GZSZ. Un- oder falsch betonte Dialoge, irrationale Handlungszusammenhänge und Charaktere, die einem entgegen brüllen “ICH BIN GECASTET!” flimmern täglich über den Bildschirm und helfen VIVA ihren Virus Fräulein Wunder in den unverbrauchten Körpern der Teenager einzupflanzen.

Musikalisch und menschlich ist dieses ‘Projekt’ zu verachten. Wirtschaftlich ist es aber großartig: Ein Musiksender bastelt sich eine Band, die genau die Art von Musik spielt, die er senden möchte, füllt damit nicht nur den Musikvideo-Teil seines Programms sondern baut direkt noch eine billige Doku-Soap drumherum und muss dann nur noch auf den Return On Investment warten, wenn die Single veröffentlicht ist. Spätestens ab der zweiten Single wird richtig Gewinn gemacht und wenn das Album in die Top-10 einsteigt gibt es Champagner für alle… Manager und Programmdirektoren.

Was bleibt ist die Frage wann Musik wieder Musik und nicht mehr Marketing, Optik und Politik sein wird…


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