Meine Borderline-Antipathie

“Cabrios sind Dosenöffner!” wusste meine Mutter damals™ schon. Deshalb verwunderte es mich auch nicht, dass zu dieser Zeit nahezu täglich eine Dame auf meinem Beifahrersitz Platz nahm, um mit mir und meinem Erdbeerkörbchen etwas Zeit zu verbringen. Ja, und als eines Abends Sarah* und Andrea* zusammen mit Wolf* mein Convertible befüllten, machte ich mich auf alles gefasst.

Es war vor ziemlich genau 8 Jahren. Wir hatten den Juli des Jahres 2000, warme Temperaturen, Sonnschein und Schulferien. Ganz klar, dass man da als heranwachsender Schmidtling trotz Upper-Class-Power-Metal-Computer-Nerd™-Phase die Abende nicht in den elterlichen vier Wänden verbringen konnte. Ich war jung, sah gut aus, hatte Unmengen Geld und ein Cabrio. Die Welt stand mir offen und ich musste mir nur die Rosinen des Lebens herauspicken. So zumindest die Theorie. Meistens lief es allerdings auf einen abendlichen Aufenthalt mit konstant gleicher männlicher Gesellschaft in örtlichen Biergärten und / oder Pubs hinaus.

Während ich also ventilatorgekühlt und eisteebefüllt die Mittagshitze zu ertragen versuchte und mich seelisch auf einen weiteren Abend im Biergarten vorbereitete, rief mich überraschend Wolf an und versprach mir eine Premium-Abendunterhaltung, wie man sie für Geld nicht kaufen kann: Sarah, eine LK-Leidensgenossin von mir, und ihre Freundin Andrea hatten ihre Gesellschaft angeboten und Wolf hatte ohne mit der Wimper zu zucken zugesagt. Jetzt hatte der gute Junge nur ein Problem: Das Doppel-Date funktionierte nur wenn ich mit von der Partie war, da Sarah explizit nach meiner Wenigkeit gefragt hatte.

Schmidt, wir machen das so: Ich komme zu Dir und dann holen wir die Mädels oben ohne ab!

Oben ohne?!?

Na, ohne Verdeck halt. Wir nehmen ein paar Getränke mit, ja, und dann fahren wir gediegen an den Rhein und machen uns einen schönen Abend.

Klingt nach Picknick!

Neee, klingt nach PORNÖSEM Late-Night-Picknick!

Okay…na, dann machen wir das so!

…und so machten wir das dann auch. Sarah nahm auf meinem Beifahrersitz Platz und Andrea stieg mit Wolf in die zweite Reihe. Soweit lief alles nach Plan.

Wir erreichten das einsam gelegene Fleckchen am schönsten Fluß des Rheinlandes in der Abenddämmerung, was meinen Mitfahrer und die Damen dazu veranlasste, ein weiteres Bier anzusetzen. Ich begnügte mich mit einem weiteren Eistee. So warteten wir darauf, dass die Dunkelheit in ausreichendem Ausmaß über uns hereinbrach.

Nach etwa einer Stunde sprangen Wolf und Andrea aus meinem Wolfsburger Cabrio und verabschiedeten sich für einen längeren “Spaziergang” *zwinker* *zwinker*. Sarah und ich waren allein und schneller als sie “Warum liegt da Stroh?” fragen konnte, waren unsere Sitze in horizontaler Position arretiert. Wir blickten in die Sterne, unterhielten uns und kamen uns näher…

Eigentlich war mir das ja schon vorher klar. Ist ja nicht so als wäre ich blind gewesen. Aber ich dachte ernsthaft, ich könnte diesen Umstand ausblenden und die Dunkelheit würde ihr Übriges tun. Kaum hatten sich allerdings unsere Köpfe auf 40 Zentimeter Abstand genähert, sah ich die Konturen ihres Make-Ups, die ihr Gesicht einrahmten wie eine fleischfarbene Todesanzeige in der regionalen Tageszeitung von Oer Erkenschwick. Ich rückte trotz alledem ein Stück näher. Die Augen verschlossen, versuchte ich gerade an einen makellosen Porzellan-Teint zu denken, als es mich wieder eiskalt erwischte: Ich konnte ich die 2 1/2 Pfund Spachtelmasse sogar riechen. Erdig, staubig und unsexy! Da half dann auch Luft anhalten nichts mehr.

Ich ließ mich auf meinen Sitz zurückfallen, schob meinen ganztägigen Eistee-Konsum vor und hechtete gen Wald aus dem Auto heraus. Als ich nach einer halben Stunde zurückkam, gabelte ich unterwegs einen grinsenden Wolf und eine verschwitzte Andrea auf und wir machten uns alle gemeinsm auf den Heimweg. Ich denke, ich muss nicht extra noch erwähnen, dass die Rückfahrt wesentlich ungesprächiger ausfiel als die Hinfahrt, oder?!?

Und die Moral von der Geschicht’? – Mit Make-Up-Rändern kriegst mich nicht!

Übrigens: Jahre später sollte ich wunderbare Abende mit einer ganz und gar wundervollen Frau am Rhein verbringen. Doch das ist wieder eine andere Geschichte…

*) Namen von His Schmidtness höchstpersönlich geändert.


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