Rote Haare
Es muss im Jahre 2000 gewesen sein, denn ich war mit dem Auto dort. Eigentlich hatte ich ja gedacht, es sei schon länger her, aber wenn dem so wäre, dann hätte ich unmöglich mit dem Auto dort sein können, denn meinen Führerschein erlangte ich ja erst im Jahre 2000. Und ohne Führerschein bin ich nicht Auto gefahren. Das wäre ja dumm und man kann mir ja vieles unterstellen, aber dumm war und bin ich nicht. Sei’s drum, ich schweife ab. Im Jahre 2000 war ich in Hilden.
Mein bester Freund hatte damals den wichtigen Auftrag, die Wohnung, den Hund und die Alkoholvorräte seines Onkels zu hüten. Dieser hatte sich nämlich überlegt, die Sommerferien seiner Kinder zu nutzen und in den Urlaub zu fahren. Eine generell nachahmungswürdige Idee, wie ich finde. Überhaupt sollte man viel mehr in Urlaub fahren; auch ohne Kinder. In diesem speziellen Fall war es allerdings gut, dass er die Pänz mitgenommen und nur den faulen Hund da gelassen hatte. So musste Silent Bob nicht auch noch Nanny spielen.
Er nistete sich also, samt PC, in der geräumigen Wohnung ein, um das Leben mit Hund auszutesten. Nun, und da Silent Bob schon immer jemand war, der Herausforderungen liebt und der sich schnell unterfordert fühlt, lud er meine Wenigkeit ein, mit nach Hilden zu kommen.
Es kam, wie es kommen musste: Endlose Koks-und-Nutten-Parties
…gab’ es bei uns nicht. Wie auch? Ich war in meiner Upper-Class-Power-Metal-Computer-Nerd™-Phase und hatte mein gesamtes Hab und Gut in diesen 800 DM teuren Mantel gesteckt, um damit von meinem verpickelten, durch die Pubertät deformierten Gesicht abzulenken. Das Gegenteil war aber der Fall: Der Mantel ergänzte mein Streuselgesicht so gut, wie warme Vanillesauce einen Apfelstrudel. Ja, ich hätte wahrscheinlich eher mit einem Schild mit der Aufschrift “Seht mich an, ich bin verpickelt!” herumlaufen können und hätte weniger Blicke auf mein Gesicht gezogen. Also, ich frage Euch, wie soll man mit der Blaupause eines Clearasil-Testgeländes zwischen Haaransatz und Kinn plus zusätzlicher Leere im Portemonnaie an Koks und Nutten kommen?!? – Seht Ihr, sag ich ja. Es blieb uns also gar nichts anderes übrig, als die Nächte vor unseren PCs zu verbringen und Dämonen in düsteren Dungeons zu bekämpfen…
Natürlich zogen sich diese heroischen Schlachten auch schon mal bis in die frühen Morgenstunden und so fiel der letzte Schrei Diablos nicht selten auf den gleichen Zeitpunkt, wie das erste Krähen des benachbarten Gockels. Nun, und wer hart metzelt, muss sich danach dann ordentlich ausschlafen. Das ist ja klar. Nicht selten nahmen Silent Bob und ich nur eine einzige Mahlzeit am Tag ein; und ich sehe mich immer noch als den Erfinder des “Brinner” – eine Mischung aus Frühstück und Abendessen.
Wie dem auch sei, meine Tiefschlafphase fand auf jeden Fall meist in der Mittagszeit statt. Um so heftiger war da natürlich der Schock, gegen 12.30 Uhr geweckt zu werden: Silent Bob stand mit dem Telefon an meinem Bett und hielt es mir hin. Ich war aber unfähig auch nur den kleinen Finger zu rühren, geschweige denn meinen Arm nach dem Telefon auszustrecken.
Mehrmals versuchte ich abwechselnd meinen linken und meinen rechten Arm nach oben zu bekommen, aber sie hingen nur schlaff an meinem Oberköper hinab. “Scheiße” dachte ich “wie können einem beide Arme einschlafen?!?” Silent Bob schaute mich derweil verdutzt an und verkündete, dass meine Mutter am Telefon sei.
Irgendwie gelang es mir dann doch das Telefon zu greifen und an mein Ohr zu führen. Ich hörte die Stimme meiner Mutter und sie fragte mich leicht verstört, ob ich eine rote Langhaar-Perücke bestellt hätte, das diese gerade per Post abgegeben worden war.
Ihr könnt es Euch ja denken, ich war urplötzlich noch verwirrter, als ich es sowieso schon war und stellte mir folgende Fragen:
Warum sollte jemand mit so großartigem Haar, wie ich es habe, eine Perücke bestellen?
Wieso macht meine Mutter meine Post auf?
Was fällt ihr ein, mich mitten in der Nacht wegen so etwas aus dem Bett zu klingeln?
Wer zum Henker bestellt rothaarige Langhaar-Perücken auf meinen Namen und was ist aus den guten alten Fake-Pizza-Bestellungen geworden?
Verschlafen und verwirrt erklärte ich meiner Mutter, dass ich keineswegs etwas in dieser Art bestellt hatte, dass ich aber sehr wohl einen Verdacht hätte, welcher Scherzkeks dafür verantwortlich sei….
Natürlich war nach einer solch abrupten Weck-Aktion nicht mehr an Schlaf zu denken und so machte ich mich lieber daran, einen perfiden Plan auszuhecken, wie ich meinen Verdacht bestätigt bekommen könnte.
Leider, leider ging dieser aber nicht auf, weshalb ich bis heute nur eine Vermutung habe, wer mir diese haarige Angelegenheit ins Haus hat bringen lassen. Aber, bei dem Bass von Gene Simmons, wenn ich meinen Verdacht bestätigt bekommen hätte, dann würde sich dieser elende Besteller noch heute mit den Abmeldeformularen der Zeugen Jehovas rumärgern!
Tags: Hilden · Perücke
10. April 2008
11:28 Uhr
Antworten
Ich tu’s nie wieder, ehrlich! (Okay, vlt. noch ein, zwei mal…)
10. April 2008
11:31 Uhr
Antworten
Ach Herr Schmid, wie dringend hätte ich diese rote Langhaar-Perücke an einem düsteren Tag im Jahr 1998 gebrauchen können… *seufz*
Es gibt so Haarfärbeexperimente, bei denen man erst hinterher merkt, dass man besser … eine Langhaar-Perücke im Haus haben sollte, ehe man der Chemie ihren Lauf lässt.
)
Drama, Drama, Drama…
10. April 2008
11:39 Uhr
Antworten
und? wieso hat deine mutter deine post aufgemacht?
10. April 2008
11:43 Uhr
Antworten
Lieber Herr Schmidt, hier spricht die Stimme der Vernunft und Vergebung! Mir geht dabei die Verhältnismässigkeit ein wenig ab. Was bitte ist an einer Rothaarperücke so schlimm, dass man mit den Zeugen Jehovas strafen will?
10. April 2008
11:48 Uhr
Antworten
hast du die perücke denn wenigstens behalten, für karneval oder so?
10. April 2008
11:57 Uhr
Antworten
Perücke, pah, ich hab mir die Haare mal so rot gefärbt, dass der Pumuckl neidisch geworden wäre… ja, war ne schlimme Phase!
10. April 2008
12:32 Uhr
Antworten
In jenem Paket befanden sich bestimmt noch ein Paar schwarze Lackstiefel. Nur das, das erzählt unser werter Herr Schmidt nicht …
10. April 2008
13:33 Uhr
Antworten
@ Mys: HA! All’ die Jahre habe ich das immer gewußt! Mach Dich schon mal auf das Rekrutierungskommando der Zeugenden Jehovas gefasst!
@ Frau Weitergelesen: Das hört sich nach einem wahrlichen Drama an, liebe Frau Weitergelesen. Fast so schlimm, wie mich mit Herr Schmid anzusprechen. Aber nur fast.
@ zoee: Das ist eine Frage, die ich bis heute nicht klären konnte. Aber seitdem hat sie das nie wiede getan. ^^
@ Sabine: Hallo liebe Stimme der Vernunft und Vergebung, schön das Du da bist. Natürlich steht das in einem gesunden Verhältnis, denn das Versenden von roten Langhaar-Perücken ist Teufelswerk und bedarf einer besonderen …ähm… Heilung. ^^
@ little james: Natürlich nicht. Das Mistdingen hätte mich sonst 150 DM gekostet! Unfassbar, oder?!?
@ SirParker: Ich hatte mal mit dem Gedanken gespielt, mir die Haare halb grün, halb schwarz zu färben. Also so, wie Bela sie zu Zeiten von "13" hatte. Im Nachhinein bin ich heilfroh, dass es bei dem Gedanken geblieben ist. ^^
@ Phil: Das, werter Phil, hätte im zweiten Teil Erwähnung gefunden. Aber jetzt ist es ja raus und es wird keinen zweiten Teil geben. Ja, und den dritten Teil, in dem ich von der Peitsche und Fussfesseln erzähle, den wird es auch nicht geben.
10. April 2008
13:58 Uhr
Antworten
Was für ein Fauxpas!
Nun bin ich Ihnen auch noch auf die Füße getreten, Herr Schmidt. Ich schäme mich und stelle mich zerknirscht in die Ecke – vorher schenke ich Ihnen aber noch ein "t".
*flüster* Falls das ein Wiederholungs-Fauxpas werden sollte.
10. April 2008
14:03 Uhr
Antworten
hr. schmidt, ich dachte bislang, nur frau weitergelesen schreibt so lange texte… puuhh.. irgendwie gehts um rote haare und perücken?! das muss ich mir heute abend nochmal zu gemüte führen… hochkomplex kommt mir das vor, mit grauburgunder versteh ich das besser, glaube ich…
10. April 2008
15:35 Uhr
Antworten
Ich finde bis heute die beiden eingeschlafenen Arme viel erwähnenswerter.
Ich stelle mir vor wie du so telefoniert hast und danach ins Bad gegangen bist. Wie du getrunken und gegessen hast….und glaube mir das ist wirklich eine sehr erheiternde Vorstellung
10. April 2008
18:55 Uhr
Antworten
Achtung, Kalauer-Alarm: Lieber zwei eingeschlafene Arme, als ein ausgeschlafener Reicher….So, ich schau dann nächste Woche mal wieder rein….
10. April 2008
22:08 Uhr
Antworten
Aber Herr Schmidt, warum haben Sie sich über die Perücke denn nicht gefreut?
Neugierigst,
Ihre Frau Ährenwort
10. April 2008
23:41 Uhr
Antworten
@ Frau Weitergelesen: Ach, liebe Frau Weitergelesen, bitte kommen Sie doch wieder aus der Ecke heraus. Hier in der Mitte des Raumes, bei uns anderen, ist es doch viel gemütlicher.
@ little-wombat: War der Grauburgunder alle oder hat auch der nicht zum Verständnis beigetragen.
…also die roten Haare und die Perücke sind auf jeden Fall goldrichtig herausgelesen. ^^
@ Floh82: Du stellst Dir vor, wie ich im Bad bin. ^^ Das verwundert mich jetzt schon…
@ Herr N.: Ja…dann…bis nächste Woche.
@ Frau Ährenwort: Das lag zum einen an der Farbe und zum anderen an der beiligenden Rechnung, liebe Frau Ährenwort. Wäre sie kostenlos gewesen, hätte ich mich vielleicht gefreut, aber 150 DM für eine rote(!) Perücke… Ne, da kommt bei mir keine Freude auf.
11. April 2008
09:11 Uhr
Antworten
Was ne Story. Sei froh, das es kein Dildo oder ähnliches war. Wie hätte deine Mutter da wohl reagiert
Ich frage mich aber auch – Warum macht sie deine Post auf????
11. April 2008
10:43 Uhr
Antworten
(Pumuckl-)Rot ist nur eine von vielen verschiedenen Farben, die meine Haare mal hatten. Und Zeugen Jehoves ist langweilig, wenn dann gleich Scientology *gg*
Meine Post haben meine Eltern glücklicherweise nie aufgemacht, außer dem einen Mal, als ich auf Klassenreise war und in der Zwischenzeit ein Brief vom Kreiswehrersatzamt kam, in dem stand das meine Kriegsdienstverweigerung anzeptiert wurde.
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