A.l.u.m.n.u.s.

Das Gefühl will einfach nicht kommen. Ich sitze auf meinem Sofa, tippe diese Zeilen und fühle mich genauso ambivalent wie zuvor. Alles ist leer und gleichzeitig überfüllt. Alles in mir ruht in sich und lässt dennoch mein Herz in einer panikartigen Taktfrequenz schlagen. Es ist als hätte ich es noch nicht hinter mir. Wo bleibt die Freude?!?

Vielleicht ist das ein genetischer Defekt, den ich habe – keine Ahnung. Es war schon immer so, dass ich nach erbrachten Leistungen dieser Form keine Erleichterung oder Stolz oder Freude spürte. Sei es das Abitur, sei es meine Berufsausbildung – nach der Abschlussprüfung ging es jedes Mal weiter wie bisher; nur mit ‘nem Schriftstück mehr im Ordner. In mir gibt es da diese Stimme, die mir sagt, dass noch viele andere gibt, die es auch durchgezogen haben und viele davon sogar besser als ich. Hinzu kommt, dass ich mir nicht so viel aus diesen Schriftstücken mache. Natürlich ist es schön sagen zu können “Hey, schau, ich habe Abitur” oder “Hey, sieh’ her, ich habe ein Diplom“, aber das definiert mich nicht als Mensch sondern nur als Werkzeug.

Wenn ich diese Zeilen so niederschreibe, kommt doch ein Gefühl, das ein kleinwenig stärker ist als der restliche Emotionen-Brei: Wehmut. Ich erinnere mich an die schöne Zeit und die vielen Menschen, die ich ohne das Studium nicht kennen gelernt hätte. Einige sind während des Studiums wieder aus meinem Leben verschwunden, einige werden es noch tun, aber die paar, die bleiben werden, möchte ich nicht mehr missen. Ihr wisst wer Ihr seid und was Ihr mir bedeutet.

In der Eröffnungsveranstaltung des Studiums wurde uns mitgeteilt, dass wir am Ende, wenn wir unser Diplom haben, fett sind, keine Freunde mehr haben und Single sind. Ich habe mir damals geschworen, dass nichts davon eintreten wird und ich eher das Studium schmeiße als meine Freunde oder meine Partnerin zu verlieren. Heute, mit der Gewissheit des Diploms, kann ich sagen, dass ich fünf Kilo leichter bin als zu Beginn und mehr Freunde habe als zuvor. Einzig in puncto Beziehungsstatus sollte die Prognose eintreten. Gerade da, wo ich es am wenigsten erhofft hatte…

He said to lose my life or lose my love,
That’s the nightmare I’ve been running from

Zwei Frauen haben mich durch die Zeit begleitet. Jede habe ich zu der jeweiligen Zeit mehr geliebt als mich selbst. Ohne sie hätte ich niemals die Kraft gehabt den ganzen Scheiß bis zum Ende durchzuziehen. Die eine hat mir den Rücken durch Grund- und Hauptstudium gestärkt. Sie hatte immer Verständnis dafür zurückzustecken, wenn ich lernen musste oder der Hörsaal rief. Die andere motivierte mich Tag für Tag das Beste aus mir heraus zu holen als um die Diplomarbeit ging. Sie war es, die mir Antrieb gab und mich zu einem anderen, besseren Menschen machte. Ich danke Euch beiden dafür. Ihr werdet für immer ein Teil von mir sein.

Knapp einen Monat vor dem heutigen Kolloquium wurde ich aber einfach zurückgelassen und es wurde unwissendlich dafür gesorgt, dass die fast vier Jahre alte Prophezeiung wahr wird. Ich wünschte, ich könnte heute mit ihr feiern so wie ich es mir vorgestellt hatte. Zumindest einen Anruf hätte ich mir gewünscht. Aber ich sitze alleine auf diesem Sofa und blicke auf den heutigen Tag, den letzten Monat, die erste Jahreshälfte zurück, und sehe nur Enden. Und Enden feiert man nur, wenn ihnen eine schlimme Zeit vorher ging. Ich hatte aber nur schöne Zeiten. Sowohl mit ihr, als auch während meines Studiums. Warum sollte ich also feiern?!?

Dann blicke ich nach Vorne und weiß, dass es irgendwo da draußen auch wieder viele Neuanfänge gibt, die schöne Zeiten bringen werden. Ja, und in denen werde ich wieder feiern, so wie ich es während meines Studiums auch getan habe. Und dann wird es egal sein, dass ich heute keine Freude empfinden kann. Dann wird es auch egal sein, dass ich jetzt ein Diplom habe und es wird auch alles andere egal sein. Dann zählt wieder nur der Moment und die unendliche Glückseligkeit, die in ihm wohnt.

Ich kann es kaum erwarten.

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