Meine Karriere als Martinssänger

Der gute, alte Martin von Tours hätte sich 397 auf seinem Sterbebett auch nicht träumen lassen, was mir 1.600 Jahre später zu seinen Ehren widerfahren sollte. Eigentlich hatte ich diesen Zwischenfall ja schon längst verdrängt, bis Silent Bob mich gestern wieder daran erinnern musste. Freunde, Solinger Martinssingen vor 12 Jahren war wie Berlin-Kreuzberg heute…

Man muss wissen, dass mir diese ganze nächtliche Zusammenrottung von befackelten Menschen, die laut singend von Haus zu Haus ziehen, um deren Bewohner mit ihren verbalen Ergüssen zu quälen, schon immer suspekt war. Ich meine, überlegt doch mal, kleine Kinder, die die Lampen anhaben und ohne Unterlass die Abendruhe mit ihren schiefen Liedern stören. Das ist doch nicht schön. Auch wenn man natürlich der Ansicht sein kann, dass dem einen oder anderen Balg zumindest ein Mal im Jahr eine Erleuchtung zu gönnen ist.

Im zarten Alter von vier fragte ich meine Kindergärtnerin, warum wir denn zwei Wochen Bastelarbeit in eine Laterne investieren, die wir nur einen Abend benutzen können. Ich argumentierte, dass die Arbeitsstunden den Nutzen weit übersteigen würden und man selbst bei einem Stundensatz von nur 1 DM (für die jüngeren Leser: Deutsche Mark – Vorgänger des Euro) weit über dem durchschnittlichen Ladenpreis einer gleichzeitig viel schöneren Laterne liegen würde. Gut, zugegeben, so war mir das damals nicht klar, aber ich wusste, dass es viel sinnvoller gewesen wäre die Zeit mit Silke im Sandkasten zu verbringen als mit Kleber und Pappe.

Ein paar Jahre später, ich muss vielleicht sieben oder acht gewesen sein, hatte ich dann auch endlich meine ersehnte, gekaufte Laterne, deren Form und Farbe einer Wandlampe im Bauhaus-Stil ähnelte. Klassisch, eben. Ich entschied mich in diesem Jahr dazu immer als Letzter mit meinem Jutebeutel an die Haustüre zu gehen, und die anderen Kinder etwas vorgehen zu lassen. Sobald ich mir sicher war, dass die anderen mit ihren Schokoladenosterhasen von 1964 und den Billig-Bonbons aus dem Büroartikelversandkatalog außer Hörweite waren, ließ ich die Süßigkeitenverteiler wissen, dass ich es vorziehen würde, den Wert der mir zugedachten Waren in Bargeld ausgezahlt zu bekommen. Den perplexen Blick setzte ich mit dem Argument, dass Süßigkeiten doch Karies verursachen würden und ich mir lieber etwas weniger schädliches kaufen wolle. Freunde, keines der anderen Kinder hat in dem Jahr verstehen können, warum ich keinen Süßkram aber dafür mehr Obst als im örtlichen Supermarktsortiment mit mir herumschleppte.

Wieder einige Jahre später – 1997 – war ich 15 und hatte mit dem Martinszug so viel am Hut wie Milli Vanilli mit dem Singen. Ich wollte nur eins: Sex, Drugs und Rock’n'Roll. Gut, dass sind drei Dinge, aber ich wollte sie. Unbedingt. Bekommen habe ich damals™ aber nichts davon. Statt Sex gab es Rex (den Schäferhund-Kommissar. Kennt Ihr noch, oder?!?), statt Drugs bekam ich Pausenbrote und aus dem Rock’n'Roll war ich herausgewachsen. Wer braucht schon KISS, wenn er Manowar haben kann?!?

Jedenfalls war ich 1997 an besagtem Martinsabend mit Silent Bob unterwegs zu einem gemeinsamen Kumpel und als wir an einem stadtteildominierenden Denkmal vorbei gingen, kam uns ein kleiner Junge mit Migrationshintergrund entgegen. In seiner rechten Hand trug er eine Plastiktüte und in der linken einen Regenschirm. Diesen hatter aber nicht geöffnet, sondern wedelte ihn wie einen Dirigierstock vor sich her. Er trat vor uns und sprach nicht ganz akzentfrei den folgenden Satz: “Ich geh’ mit meiner Laterne und meine Laterne mit mir, gib’ Geld!

Ich bin mir gar nicht mal so sicher, ob in dem Satz wirklich ein Komma vorkam, so schnell sagte er ihn auf. Da ich ja schon immer ein Gutmensch war, erklärte ich ihm, dass diese Taktik schon zu meiner aktiven Zeit als Martinssänger nicht funktioniert hätte, obwohl ich rhetorisch feinere Formulierungen verwandte, und das die vermeindliche Laterne ein Regenschirm sei. Aber immerhin ein sehr schöner. Dann gab’ ich ihm eines meiner Pausenbrote, die ich noch in meiner Manteltasche hatte und ging mit Silent Bob weiter.


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