Herr Schmidt.

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Burn, Baby, Burn!

Freunde, Ihr wisst ja, dass ich da arbeite, wo andere Urlaub machen. Na, sagen wir, wo andere ihre Freizeit verbringen: in Biergärten, Eiscafés und Restaurants. Wenn ich also ein Foto in die Welt schicke, auf dem ich mir bei Cappuccino & Co. die Sonne auf den Pelz und meine Ray-Ban Sonnenbrille scheinen lasse, dann handelt es sich tatsächlich um harte Arbeit. DENN: Das Notebook, die Kasse und das mitunter pausenlos klingelnde Firmen-Handy, werden geschickt aus dem Fokus gehalten.

Letzte Woche saß ich wieder mal in einem Eiscafé und hatte mein Firmen-Notebook vor mir aufgeklappt, um die neuen Preise und Artikel in das Kassensystem zu jagen. Es war kurz nach zehn (morgens) und ich bemerkte zunächst gar nicht bewusst wie der ältere Mann die Räumlichkeiten meines Kunden betrat. Nur im Augenwinkel nahm ich wahr, dass sich jemand an den Tisch gegenüber setzte; zu sehr war ich in die Eiskarte und die Programmierarbeit vertieft. Keine zwei Minuten saß der Mann, da stand er wieder auf und bewegte sich auf mich zu. Er ging um mich herum, beugte sich über die verschiedenen Tageszeitungen, die hinter mir auf einem Tisch lagen, und sprach in meine Richtung: „Wie kann man sich innerlich nur so verbrennen?!?

Ich hob‘ meinen Kopf, schaute skeptisch nach vorne, schüttelte innerlich den Kopf und dachte mir „Der kann unmöglich mich meinen.„. Vermütlich echauffierte er sich gerade über eine Schlagzeile. Ich wandte mich also wieder meiner Arbeit zu, während der Mann sich wieder zu seinem Platz schleppte. Keuchend. Als er sich unter großem Stöhnen wieder auf seinen Platz fallen ließ, blickte ich zu ihm rüber. Der Mann war vermutlich gerade mal Anfang 50, sah aber ziemlich fertig sehr verlebt wie ein alter Saufkopp wesentlich älter aus: Dicke Augenringe, Falten über Falten und kaum noch Haare auf dem Kopf. Dazu unrasiert, dickbäuchig und schlecht gekleidet. Nach einem emsigen Arbeitnehmer, der gerade Urlaub hat, sah er nun wirklich nicht aus. Als ich ihn ansah, erntete ich einen abfälligen Blick voller Mißachtung. Diese Sackratte hatte tatsächlich mich gemeint.

Wie Lady Gaga legte ich mein Po-Po-Po-Pokerface auf und programmierte weiter an der Kasse herum… allerdings nicht mehr in der Artikelliste sondern in den Bon-Texten. Aus dem Schlußtext „Das gesamte Team bedankt sich für Ihren Besuch.“ wurde kurzerhand „Dieses feudale Frühstück an einem Dienstagmorgen wurde Ihnen präsentiert von: Meinen Steuergeldern. Ihr innerlich brennender Kassenhändler vom Nachbartisch.“ Eat this Hartzi!

10 Comments

  1. Emsig?
    Ich verbitte mir diesen Audruck in Zusammenhang mit „Arbeitnehmer“. 🙂
    Aber mal ehrlich: sind „fleißige Arbeitnehmer“ nicht eigentlich der Untergang des Abendlandes?

    UInd „Hartzi“, weil Du davon ausgehst, der Typ bezieht ALG II? Aber Du freust Dich über Deine RayBan?
    Cool ist anders, Dicker.

  2. @ MC Winkel: Ja, ich freue mich über meine RayBan, weil ich mir das Viech erarbeitet habe! Er allerdings war der Ansicht, dass ich mich innerlich verbrenne, weil ich arbeite und frühstückt lieber auf Staatskosten. DAS ist nicht cool!

  3. Alter Hacker! 🙂
    Aber die „kaum noch Haare“ liegt an den Genen. Ich hab da Erfahrung.
    Aus dem Spruch des Mannes werde ich nicht wirklich schlau. Glaubst du, dass er meinte, dass du zuviel arbeitest? Da hätte ich nachgefragt.
    Und Hatzi ist BILD-Niveau. Die aller aller meisten wollen arbeiten, aber kriegen nix. Da sollten wir froh sein, dass wir nen guten Job haben und solche Sprüche stecken lassen.

  4. @ Tom: Ob es die Mehrheit ist, sei mal dahin gestellt, aber ich bin mir durchaus bewußt, dass ein großer Teil der ALG2-Bezieher arbeitswillig und jobsuchend sind. Es geht mir ja auch in keinster Weise darum hier gegen die HartzIV-Empfänger zu flamen sondern speziell gegen dieses spezielle Exemplar. Sein ganzer Habitus und seine offensichtliche Mißachtung für die arbeitende Bevölkerung (er hat die Bedienung auch ganz schön mies behandelt) lassen keinen Zweifel daran, dass er es sich (vermutlich) seit Jahren in unserem Sozialsystem bequem gemacht hat. Darauf stehe ich gar nicht! …aber selbst dann, wenn er mir nur als arbeitsunwilliger HartzIVler aufgefallen wäre, hätte ich nichts gesagt. Ich lasse mich allerdings nicht auf diese Art und Weise behandeln, wenn ich – und Millionen anderer Menschen – sein Frühstück finanziere(n).
    Glaub‘ mir, ich weiß um mein Glück, einen Job zu haben, weiß aber gleichzeitig auch um meinen Fleiß und mein Engagement, durch das ich mir meinen „Lebensstil“ sichere. Mit diesem Fleiß sichere ich auch gerne den Teil der Bevölkerung ab, der um’s Verrecken keinen Job bekommt, obwohl er arbeiten will. Die Faulenzer kann ich aber nicht ab!

  5. Herr Schmidt ich muss eingestehen auch ich werde aus Aussage nicht wirklich schlau.

    „Wie kann man sich innerlich nur so verbrennen“
    Warst du kalkweiß im Gesicht und er hat gedacht dein täglicher Koffeinkonsum wäre vergleichbar mit der Strahlenbelastung einer Milchkuh die gerade um ein russisches Atomkraftwerk aus den 60er Jahren herumstreift?
    Oder hielt er dich für einen Fußballtrainer der gerade in BladeCity nach erfolgsversprechenden Talenten sucht?
    Oder hat er dich auch schon beobachtet als du gerade in die Tischplatte gebissen hast, als irgendeine verdammte Kassenfunktion nicht so wollte wie sie sollte?

    So viele Fragen und keine Antworten….

  6. @ Floh82: Wie beschrieben: Er kam rein, ging hinter mich, ließ den Kommentar in meine Richtung los, setzte sich wieder und schaute mich voller Missachtung an. Ich saß konzentriert aber entspannt vor dem Notebook und tippte Preise ab. Nichtmal einen Kaffee hatte ich neben mir stehen… ^^

  7. Naja, klang heut‘ morgen halt etwas überheblich. Beschreibst erst, wie derbe Du mit RayBan-Shades vorm Notebook hoxt, ganz Mann von Welt & sein Sohn und am Ende nennst Du den Holmes, der vermutlich nur auf die Strahlenintensität Deines Arbeitswerkzeuges hinweisen wollte, Hartzi. Und das zusammen suckte für mich aweng, aber ich hasse Dich jetzt nicht dafür. 🙂

  8. @ MC Winkel: Puh! Da bin ich jetzt aber beruhigt, dass Du mich nicht hasst. ;-p Sehe darin aber immer noch keine Überheblichkeit, wenn ich erkläre, dass es eben kein „Lifestyle of the rich & famous“ ist, den man auf den TwitPics sieht, sondern harte Arbeit…
    Und wenn der Typ auf die IT-Bestrahlung hinaus gewollt hätte, hätte er wohl kaum von einer innerlichen Verbrennung gesprochen… aber sei’s drum, jeder hat da seine Sicht. …und ich werde wohl lebtags keine Südkurve von Sozialschmarotzern werden!

  9. Also ich hab jetzt Beitrag und Kommentare gelesen und bin verblüfft, welche Reaktionen er auslöst. Aber ich raffe immernoch nicht, was der Satz von dem Vogel jetzt schlussendlich bedeuten sollte!

  10. @ singhiozzo: Da haben wir etwas gemeinsam: Ich war auch sehr erstaunt über die Reaktionen.
    Anschließende Mimik und Gestik ließen keinen Zweifel daran, dass er (meine) Arbeit als innerlichen Verbrennungsprozess empfand.

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