Herr Schmidt.

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Das Urlaubsmitbringsel #3

Fortsetzung zu Das Urlaubsmitbringsel #1 und #2
(unbedingt vorher lesen)

Wie sollte ich nur diese vier Wochen überleben? Immerhin hatte ich gerade die Liebe meines Lebens kennengelernt und da kamen mir natürlich viele Dinge in den Sinn, wie zum Beispiel Familiengründung, Hausbau und Ehevertrag, aber doch kein Urlaub mit meinen Eltern. „Entschuldigung?!? – Ich bin ein erwachsener Mann mit Verpflichtungen!“

Stundenlange Diskussionen, vorgespielte Herzinfarkte, der Versuch mich mit Handschellen an der Fußbodenheizung festzuketten – es half alles nichts! Am Ende saß ich mit meinen Eltern im Taxi, das uns zum Flughafen bringen sollte. Selbst mein perfider Plan, auf der Fahrt dringend einen Rastplatz aufsuchen zu müssen, um meine Notdurft zu verrichten, und so den Flieger zu verpassen, scheiterte an dem vorausschauenden Zeitmanagement meiner Erzeuger. Es kam also, wie es kommen musste: Wir schafften mühelos den Check-In, erreichten entspannt unser Gate und flogen ohne Verspätung Richtung Costa Brava.

Kaum hatte ich den Koffer ausgepackt abgestellt, machte ich, was ein richtiger Mann macht, wenn man ihn von seiner großen Liebe separiert: Ich setzte mich an den Schreibtisch und schrieb‘ einen Brief. Acht DIN-A4-Blätter füllte ich beidseitig mit mehr Romantik und Sehnsucht, als es Rosamunde Pilcher in ihrem literarischen Gesamtwerk geschafft hat und vertütete das wichtigste Dokument seit Erfindung der Schrift sachgerecht in einem Umschlag. Jede Sekunde, die zwischen mir und einem Briefkasten stand, trieb mir den Schweiß auf die Stirn… an dieser Stelle sollte ich erwähnen, dass unser Urlaubsdomizil auf einem Ausläufer der Pyrenäen lag und eine Postwurfannahmestelle nur durch einen fahrbahren Untersatz zu erreichen war.

Wie gesagt, mir stand der Schweiß auf der Stirn und ich bekniete meine Eltern, wie ein Drogensüchtiger seinen Dealer, mir doch endlich zu helfen, während ich ihnen zitternd den Brief der Briefe unter die Nase hielt.Was soll ich sagen?!? Noch am gleichen Tag ging das Schriftstück raus und ich war zumindestens für ein paar Stunden auf einem erträglichen emotionalen Level.

Selbstverständlich antwortete L. auch auf meinen Brief – es war ja schließlich die ganz große Liebe – und so hangelten wir uns Woche für Woche von Brief zu Brief. Ja, Freunde, ich erlangte eine Art Seelenfrieden. Und die ganze Sasche ging so lange gut, bis mir siedendheiß einfiel, dass ich der Liebe meines Lebens eine kleine Aufmerksamkeit aus dem Urlaub mitbringen sollte. Ach, was sag‘ ich ‚Aufmerksamkeit‘, ich wollte DAS Mitbringsel: Die Mutter aller Souvenirs, den Maybach unter den Liebesbeweisen, das Dreifach-Platin-Album der romantischen Gesten – na, Ihr wisst schon.

Ich streunte also durch die Gassen unseres Urlaubsortes und fahndete nach eben diesem symbolträchtigen Gegenstand. Jedes Geschäft wurde penibler durchsucht, als ein heimkommender roter Golf II mit Jugendlichen an Bord an der deutsch-holländischen Grenze und es vergingen endlose Stunden, bis ich endlich gefunden hatte, was ich suchte:

Ein zweigeteilter Herzanhänger, dessen Hälften an je einer Kette hingen und sogar graviert werden konnten. Es war eine Ketten-Kombination, wie diese. Na, und DAS war es doch: So konnte jeder sehen, dass wir nur komplett sind, wenn wir zusammen sind und jeder von uns hatte den Namen seines Schatzes graviert und halbherzig am Körper. Das war symbolträchtig, romantisch und auch noch preisgünstig jeden Pfennig wert.

Als wir aus dem Urlaub zurückgekehrt waren, konnte ich es kaum erwarten, ihr mein Geschenk zu überreichen. Wir trafen uns noch am selben Tag und ich bat sie sogleich, ihre Augen zu schließen. Mit nervösen Fingern holte ich ihre Kette hervor und legte sie L. um. Als ich nach mehrmaligen Versuchen, endlich den Verschluss zugefriemelt hatte, durfte sie ihre Augen wieder öffnen und…

An dieser Stelle kürze ich ab: L. machte kurz darauf mit mir Schluß. Sie begründete es zwar anders, aber ich bin mir aus heutiger Sicht ziemlich sicher, dass es an diesem unglaublich kitschigen, billigen und potthäßlichen Urlaubsmitbringsel lag.

Na, und die Moral von der Geschicht‘: Das perfekte Urlaubsmitbringsel gibt es nicht!

14 Comments

  1. da hast du recht, das wirds gewesen sein. diese dinger sind unglaublich hässlich, das kann man gar nicht in worte fassen. einer meiner exfreunde brachte mir einmal aus llorett ein kerze in form einer apfelkitsche in grün-grau mit. das ich nicht kotzen musste, wundert mich heute noch.

  2. OUCH!

  3. Mir gefällt der Versuch sich mit Handsdchellen an die Fußbodenheizung zu ketten. Das hätte ich gerne gesehen.

  4. "kurz darauf…"? Ich dachte ihr wärt noch etwas länger zusammen gewesen. Aber ist ja auch was her…und mit dem Älter werden und dem Gedächtnis ist das ja so eine Sache.

    Aber du hast ihr tatsächlich solch einen Anhänger geschenkt? Ich glaube meine Schwester war es, die auch einmal solch ein ähnliches Gimmick mit ihrem damaligen Freund zusammen hatte. Es war aber ein Schlüsselanhänger und nicht aus Metall, sondern aus Kunststoff. Ich erinnere mich dass ich sie fragte was dieses häßliche Ding an ihrem Schlüsselbund sei und sie mir strahlend erklärte dieses sei eine sehr romantische Geste der Verbundenheit zwischen ihr und ihrem Freund.
    Aus Respekt habe ich erst gelacht als ich das Zimmer verlassen hatte.

  5. hat sie dir die kette wenigstens zurückgegeben?

  6. @ deeli: Ha ha ha! Eine Apfelkitschkerze?!? – Das ist ja eine noch viel größere Liebesgeste, als diese Kettenkombi. Wenn ich so etwas mitgebracht hätte, hätte sie mich wahrscheinlich auf der Stelle verlassen! 😉

    @ christoph: Unter 'Erfahrungen' verbucht.

    @ Herr Olsen: Ja, man muss erfinderisch sein, wenn man keine Heizkörper hat. Ich glaube ja, dass meine Eltern sich nur deshalb für eine Fußbodenheizung entschieden haben, weil sie mit 'Festketten-Aktionen' meinerseits gerechnet hatten. 😉

    @ Floh82: Zwischen dem Anlegen des Urlaubsmitbringsels und dem Verlassenwerden lagen ca. drei Wochen. Sie hat es also doch schon 'ne Weile mit der gräßlichen Kette ausgehalten. Sollte ich ihr dafür vielleicht doch 'ne Urkunde ausstellen? ^^

    @ zoee: Boah, gute Frage! Ich glaube nicht. Genau kann ich es Dir aber nicht sagen, da ich keinen Plan habe, ob und wenn wo, ich die Erinnerungsstücke habe. Kann sogar sein, dass ich den ganzen Kram weggeworfen habe.

  7. schade, du hättest einen neuen namen reingravieren können. spart geld und macht doch immer wieder freude, wenn man romantisches zeug geschenkt bekommt! 🙂

  8. Oh, dieses Urlaubsmitbringsel habe ich auch noch irgendwo in einer Kiste. Allerdings war der Kerl, der mir diese wundervoll kitschige Kette schenkte, nicht einmal mein Freund. Und er wurde es auch nicht. Das lag unter anderem auch an der Kette. Dein Rückschluss ist also nicht ganz falsch.

  9. hm. das stimmt mich jetzt nachdenklich. ich hatte meiner freundin damals ohrringe aus dem urlaub mitgebracht, kurz bevor sie dann mit mir schluss gemacht hat. bisher dachte ich immer, der kerl, mit dem sie mich betrogen hatte, während ich im urlaub war, sei der grund für die beendigung unserer beziehung gewesen…

  10. Ui, ich habe meiner damaligen Schul-Liebe zum Valentinstag so einen Talismann geschenkt ("mal eben von der Tanke besorgt", sowas, wo dann ganz tiefgründige Erklärungen zu dem guten Stück Alu auf der Papp-Rückseite stehen…).

    Wir sind nie zusammengekommen 🙂

    Ich glaube auch, dass ich damit ihre letzen Zweifel beseitigt hatte *g*

    Heute verschenke ich nur noch Werkzeug, hab ich dann wenigstens was von, wenn es ihr nicht gefällt :p

  11. Ich dachte beim Titel ja erst an was wie Tripper oder so… aber der Olsen hat schon recht, "an der Fußbodenheizung festketten" hat mir auch am Besten gefallen! 🙂

  12. Die FrauvonWelt ergiesst sich in Deklinationen, in meinem Lieblings-Hass-Themen-IRC-Channel geht es um "GrundtonSinuskurve" und "Frequenzmodulation auf 16 Bit Integer" und hier trauert man einem Urlaubsmitbringsel nach.

    Was ist eigentlich ein "Urlaub"?

  13. Interessante Story Schmidti, ich hätte ja mit einem gepflegtem Amoklauf gedroht – und mit Mutti hätte ich angefangen, hätte aber böse enden können. Warum bist du nicht einfach irgendwo "abgestürtzt" oder anders ausgedrückt, Party die ganze Nacht und nicht erreichbar für die nächste Woche, jedenfalls für die Oldies. Eine saftige Ansage geht auch, aber muß man(n) durchziehen können.
    Wegen der Kette, also ich habe festgestellt, Frau sucht selbst gern aus, unter Umständen auch ohne Mann. Wenn es dann an's Bezahlen geht, darf man(n) wieder die erste Geige spielen. Ketten oder Schmuckstücke im Allgemeinen auf gut Glück kaufen, lass es, dann frag' sie lieber, und dann geht ihr zusammen die Kohle auf'm Kopp haun – ist aber nur eine Beobachtung, kann natürlich sein, daß ich die Zeichen völlig falsch gedeutet habe…

  14. @ zoee: Na, ich glaube, ich bin bisher besser ohne diese Kette gefahren. Sollte ich meine Beziehung aber schnell beendet haben wollen, greife ich darauf zurück. 😉

    @ die_schottin: Wir können also festhalten, dass es sich bei dieser Kette um die beste Möglichkeit handelt, jemanden in die Flucht zu schlagen. Da hab' ich damals echt das Thema verfehlt…

    @ der.grob: Frauen schieben gerne mal solch' wahnwitzige Ausreden vor, um den wahren Grund nicht nennen zu müssen. Was waren es denn für Ohrringe? Welche mit gravierten Herzen?

    @ Herr N.: Bei Dir muss es ja auch die ganz große Liebe gewesen sein, wenn Du bereit bist, die total überteuerten Tankstellenpreise in Kauf zu nehmen. Aber das ist ja dann auch wieder typisch Frau: Du gibst ein Vermögen aus, um ihr Deine Liebe zu zeigen und sie weiß es nicht zu würdigen…

    @ Sir Parker: Ich glaube, einem Tripper hätte die Beziehung länger standgehalten, als dieser Kette.
    Danke für das Lob.

    @ bruZard: "Urlaub ist die Zeit, die ein arbeitsfähiger Arbeitnehmer, Beamter oder auch Selbstständiger von seinem Arbeitsplatz berechtigt fernbleibt, obwohl nach Tages- und Wochenzeit eigentlich Arbeitsleistungen zu erbringen wären. Die beiden erstgenannten Personengruppen benötigen hierfür die Genehmigung ihres Arbeitgebers bzw. Dienstherrn; dieser kann oder muss wegen gesetzlicher Grundlagen den Urlaub unter Fortzahlung der Bezüge gewähren, in manchen Fällen auch unter Wegfall der Bezüge. Oft wird „Urlaub“ fälschlich mit Erholungsurlaub gleichgesetzt, der aber nur eine bestimmte Art von Urlaub darstellt." (Wikipedia)
    Aber: Wer trauert hier überhaupt?

    @ Lichtbild: Damals waren Amokläufe noch nicht so trendy und es gab' auch nicht an jeder zweiten Ecke eine Flatrate-Party. Dafür war das Handynetz aber auch noch nicht so gut ausgebaut. Ich hätte mich also in einem Funkloch verstecken können…
    Glaub' mir, seitdem gehe ich auch nur noch mit der zu Beschenkenden zusammen ins Schmuckgeschäft.

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