Herr Schmidt.

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Die Frage nach der Berechtigung der Coolness

Ich habe mich in den letzten Tagen, in denen ich hier nichts geschrieben habe, mit der intensiven Suche nach Gott befasst. Blödsinn! Ich war krank und hatte mit meiner Diplomarbeit und der Genesung genug am Hut. Dennoch hat mich Gott im erweiterten Sinn beschäftigt. Während ich krank zu Hause lag, habe ich die Weiten meiner digitalen Sat-Programm-Möglichkeiten ausgelotet und dabei den Sender [tru:] young tv gefunden. Dabei handelt es sich um den Jugendfernsehsender von Bibel TV, der versucht über ein frisches, jugendliches Auftreten das Christentum zu propagandieren. Kern-Transfermedium ist dabei die Musik. In verschiedenen Sendungen werden Videoclips von Bands gespielt, die sich inhaltlich zwar alle mit christlichen Werten beschäftigen, dabei aber kein Musik-Genre auslassen. Egal ob Hip-Hop, Pop oder Post-Hardcore – Gott und Jesus finden ihren Weg in jeden erdenklichen Ton.

Während ich mich also so von der Musik berieseln ließ, liefen folgende zwei Songs: Fireflight – Unbreakable und RPM – New Creation. Beide gehen gut ab und begeisterten mich. Und obwohl ich in dem Moment Fan von den Songs war, hatte ich dieses unterschwellige Gefühl, dass es irgendwie falsch ist, diese Musik gut zu finden. Gott ist ja auch uncool…

Aber warum ist das so?!? Woher kommt dieses Empfinden, dass irgendeine Metal-Kapelle, die über Satan singt vollkommen in Ordnung geht (weil, ist ja cool und so), aber eine christlich geprägte Band einem das Gefühl gibt total spiessig zu sein?

10 Comments

  1. Herr Schmidt, Herr Schmidt, Gott gut zu finden oder gar gläubig zu sein ist doch nicht spießig. Das ist völlig normal. Und ich finde Gott cool. Was der so alles kann!

  2. Ehrliche Antwort?
    Streng genommen ist eine „religiöse“ Band (ich lasse die Glaubensrichtung mal weg, die ist egal), eine Band die uns etwas vorsetzen will. Sie will uns quasi bekehren. Auch wenn sie das faktisch vielleicht gar nicht will, sondern nur von Gott erzählen will oder vom eigenen Glauben, haben wir (also mir geht es jedenfalls so) das Gefühl die wollen uns bekehren.

    Zu Satan…nun in der Bibel ist klar was Satan darstellt. Aber wieder betrachten wir „das Böse“ aus Sicht einer Religion, die uns etwas aufzwingen will. In den Naturreligionen, im antiken Vielgötterglaube und in den östlichen Glaubensrichtungen (wie dem Hinduismus) stellt der „gehörnte Gott“ nicht zwingend etwas schlechtes dar. In einigen Fällen ist er lediglich ein Gott der Natur, Freiheit, Individualismus darstellt, in anderen Fällen stellt er einfach den Gegenpol zum „guten Gott“ oder den Gegenpol zum „Leben“ dar (siehe die antike römische oder griechische Götterwelt).

    Zusammenfassend: Der Rock mit Satansgruß ist nicht zwingend ein Glaubensbekenntnis, sondern eher ein Zeichen dass man Grenzen überschreitet, die andere aufgestellt haben. Ein Zeichen der persönlichen Freiheit und irgendwie auch die Anerkennung der „harten“ Seite in sich…der „Rockerseite“.

    Und außerdem: Beim Rockfestival die Hände zum Gebet falten…sieht einfach scheiße aus!
    😉

    P.S. Ich muss dazu noch sagen – auch ich habe bereits „Christenrock“ gehört, der mir sehr gefiel. Aber oben beschriebenes Gefühl, das mich jemand bekehren will, stört mich doch sehr.

  3. Ich bin ja selber der unreligiöseste Mensch, den ich kenne. Na ok, meine ganze Familie ebenfalls. Ansonsten kommt es auf die Intention des Songs an, denke ich. Singt einer nur davon, dass Gott ganz toll ist und einem Kraft gibt usw, dann kann ich den Song trotzdem gut finden (wie sollte ich sonst Reggae mögen? 😉 ), denn das ist dann die Meinung des Songwriters. Wenn aber das Lied aussagt, ICH müsse JETZT unbedingt in die Kirche und beten und was weiß ich, da ich sonst im finstersten Kreis der Hölle lande und es außerdem nichts anderes, wahres gibt als Gott, dann würde mich das persönlich annerven, weil ich nicht daran glaube und weil der Urheber des Liedes versucht, mir seinen Glauben, seine Meinung aufzuzwingen. Und den „Satansgruß“ oder Texte, die auf Satan anspielen und die in der Stilrichtung Metal vorkommen, nehmen die meisten Leute, die diese Musik hören, genau so ernst wie diejenigen das Gespräch über Gott, die Reggae mögen.

    Und wir werden wohl die Christenrocker genau so spießig finden wie die uns abstoßend, wenn wir bei Rock am Ring total besoffen aus dem Dixie-Klo stolpern. 😀
    Wobei ich zugeben muss, dass die Figur des Nat Flanders doch sehr zum schlechten Ruf der gläubigen Christen beigetragen hat 😀

    m/(*_*)m/

  4. Ich muss mich da dem Herrn Floh82 anschliessen.
    Es ist das Bekehren das mir da quer sitzt. Gegen Glauben und Gott cool finden habe ich ansonsten nichts, aber das Bekehren wollen geht mir auf den Geist. Dann doch lieber ne runde Lordi.

  5. Chapeau, werter Floh. Ich habe schon so manche Grenze überschritten, sogar schon die deutsch-belgische und im zarten Alter von 1.

    Lieber Schmidt, ich finde das rockt schon: „Lasst und aufstehen, aufeinander zugehen, voneinander lernen, um uns zu verstehen…“ oder „Kleines Senfkorn Hoffnung“, obwohl Psalm 27 auch der Burner ist. Der spricht von finsteren Tälern.

  6. Weil Kirche herzulande immer irgendwie suckt. Schau Dir an, was die unternehmen, um nach vorne zu kommen. Woanders ist es kein Problem, seinen Glauben irgendwie mit in sein Image einzubauen (Q-Tip ist z.B. irgendwan Islamist geworden und mach daraus auch keinen Hehl), da kräht kein Hahn nach. Wenn sich hier einer mit der Kirche identifiziert, sieht das bestenfalls so aus wie Xavier. Und selbst der suckt.

  7. Warum das uncool ist?
    Weil fast immer Gott, Glaube, Religion, Kirche, Bibel, Gemeinde, Vatikan, Christsein und Papst dilletantisch durcheinandergeworfen wird. Und das Uncoole als letztes Glied (altmodische, katholische Kirche) hängenbleibt.
    (P.O.D. fand ich übrigens cool)

  8. Satan ist cool, weil er die besten Weiber am Start hat (denn in die Hölle kommen ja nur die wirklich „bösen“.. wer will schon mit einer gottesfürchtigen Nonne abhängen?).
    Außerdem muss man sich nur mal den Film „Crossroads“ anschauen… wirklich geile (und coole) Mucke kann nur mit dem Teufel zusammenhängen… lass die da oben mal schön mit der Harfe klimpern, wir hier unten schnallen uns lieber eine Fender Strat um, drehen bis 11(Spinal Tap rulez!) auf und rocken uns mal schön den Allerwertesten ab… 😀

  9. @ Frau Ährenwort: Wenn man seine Fähigkeiten zur Debatte stellt, muss man sich aber auch fragen, warum er diese nicht einsetzt, liebe Frau Ährenwort. Ich persönlich mag den Gedanken an etwas zu glauben, nur: ich bin nicht gläubig!

    @ Floh82: Schöne Erklärung. Das Gefühl der Rebellion, wie es die Rock-Musik der härteren Gangart beschert, fehlt bei Musik mit christlichem Inhalt tatsächlich gänzlich. Doch lässt mich eine Ballade meiner „Heiligen Kuh der Pop-Musik jetzt nicht wie James Dean oder Che Guevara fühlen. Musik ist ja nicht immer mit Grenzüberschreitung (Schrägstrich) Rebellion gleich zu setzen. Und trotzdem fühlt sich im Allgemeinen Schnulz-Pop richtiger an als christliche Musik…

    @ Frau Schmidt: Wenn uns die Christenrocker abstoßend finden, spricht das nicht unbedingt für die gepriesene Nächstenliebe und Toleranz. ^^
    Ich finde Deinen Kommentar sehr interessant. Die Differenzierung zwischen der reinen Glaubensmitteilung und der versuchten Bekehrung als Zünglein an der Waage ist sehr gut. Ich fühle mich von keinem der beiden Songs in irgendeiner Form mit dem Zwang zu glauben belästigt. Wobei RPM Gott und seine Taten natürlich schon sehr in den Mittelpunkt rücken.

    @ chipkali: „Would you love a monsterman?“ – Hell, yeah!
    Vielleicht sollte ich mir als Zeichen meiner Toleranz gegenüber der christlichen Musik tatsächlich einen der Songs kaufen. Oder vielleicht eine CD?!? Würde sich neben In Flames und Soilwork doch eigentlich ganz gut machen… 😉

    @ kleiner.mops: „Und wenn ich auch wandere durch finsteres Tal, so fürchte ich kein Unheil. Denn der Herr ist mein Hirte…“ so oder so ähnlich. War mein Konfirmationsspruch. ^^
    Aber, liebes Fräulein Mops, seien Sie ehrlich: Mit einem Jahr konnten Sie doch noch gar nicht schreiten! Oder doch?!?

    @ MC Winkel: Stimmt schon. Projekte wie Zeichen der Zeit oder Bands wie Beatbetrieb oder Allee der Kosmonauten sind und bleiben Special-Interest-Acts. (Dabei habe ich von beiden Bands sogar Musik) Das liegt aber auch daran, dass sie überhaupt keine Ecken und Kanten haben. Bei RPM und Fireflight ist der Weichspülgang (nicht nur bei der Musik sondern auch bei den Charakteren) offensichtlich ausgeblieben. Das macht sie mir sympathischer und lässt eine Idee davon, dass Glaube die Rebellion nicht gänzlich ausschließt. Und überhaupt: Wenn die Mehrheit nicht mehr gläubig ist, ist der Glaube dann nicht vielleicht die wahre Rebellion?!? ^^

    @ Donkys Freund: Aber ja! Das ist nahezu brilliant! Wenn ich so darüber nachdenke, dann muss ich zugeben, dass dieses Gefühl des Unwohlseins und der Spießigkeit enger mit der Institution Kirche (und Ned Flenders) verknüpft ist als mit dem Glauben an sich. Vielleicht ist es für die Bands tatsächlich problematisch, sich in dem Schatten der Kirche bewegen zu müssen…

    @ Jamez: Bei aller Liebe, aber Britney ist doch jetzt nicht satanistisch. 😛
    Was die Fender Strat angeht bin ich bei Dir! Total! Aber die oben genannten Bands machen ja jetzt auch nicht gerade Harfenmusik, oder?!?

  10. Ich, werter Schmidt, war allein durch die Größe meines Geistes, schon immer fähig und willens zu schreiten. So glaube ich zumindest…

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