Herr Schmidt.

celebrating the irony since 1982

Elektrizität, Baby!

Fast hätte ich mein erstes Zeugnis nie bekommen, da man mich gar nicht erst hätte einschulen können. Schuld daran war die teuflische Elektrizität der südländischen Ferienhäuser ländertrennender Gebirgsausläufer. Freunde, fast wäre ich im zarten Alter von 6 Jahren in Spanien gestorben. Und das kam so:

Meine Eltern kamen irgendwann Anfang der 80er auf die grandiose Idee, ein Haus auf einem spanischen Ausläufer der Pyrenäen zu bauen. Blick auf’s Meer, eigener Pool und am Horizont schneebedeckte Berge, während man selber bei 30°C in der Sonne liegt. Besser geht es einfach nicht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es sich dabei um die beste Idee ihres gesamten Lebens gehandelt hatte. …nach der, mich zu zeugen, natürlich.

Jedenfalls verbrachten wir Jahr für Jahr unsere Urlaube dort (was zugegebenermaßen mit Beginn der Teenagerzeit mangels Abwechslung ein wenig zu nerven begann) und hatten auch meistens Bekannte oder Verwandte an Bord, die „Casa Schmidt“ als Reiseziel gewählt hatten. Einer dieser Bekannten – wir nannten ihn immer nur „Fritz“ wegen seiner Vorliebe für Öl-Sardinen* – kam bei seinem dritten Aufenthalt auf die Idee, dass ein wenig mehr Privatsphäre für sich und seine Family gar nicht mal so verkehrt wäre. Er fasste den Entschluss, sich nach einem Haus umzuschauen.

Der Umstand, dass mein Dad als Architekt und selbsternannter Eckenmaurer relativ versiert in der Einschätzung von Bauobjekten ist, kam ihm dabei natürlich gelegen. Er also meinen Vater und dieser wiederum mich eingepackt und ab ging die Besichtigungs-Tour. Hier zu klein, da zu groß und beim dritten Objekt gab es senffarbene Waschbecken und Badewanne. Da konnten dann die dunkelgrünen Fliesen auch nichts mehr rausreißen.

Während mein Dad und „Fritz“ sich aus dem Bad flüchteten, um die Küche in Augenschein zu nehmen, machte ich mich auf den Weg in das Schlafzimmer. So langsam langweilte mich die ganze Sache doch erheblich und da wollte ich es mir halt etwas gemütlich machen. Die Lichtverhältnisse waren dank der geschlossenen Fensterläden und mangels Deckenlampe eher mau, so dass meine gesamte Hoffnung auf der kleinen Nachttischlampe lag, die auf einem dunkelbraunen Beistelltischen mit liebevollen Verzierungen und Messingbeschlägen stand. „Klick!“ – „Klack!“ … „Klick!“ – „Klack!“ … „Klick!Klack!Klick!Klack!Klick!Klack!“ Ich konnte an dem Schalter rumklackern wie Michael J. Fox an einem Flipperautomaten, dieses verfluchte Lämpchen ging nicht an.

Jung, aber nicht doof, wie ich war, folgte ich dem Kabel der Lampe und entdeckte den Stecker liegenderweise unter dem Tischchen. Ich fummelte den kleinen Racker also hervor und fügte zusammen, was zusammen gehört: BENUTZE Stecker MIT Steckdose (Zakk McKracken, olé!). Jetzt darf man sich die beiden Komponenten aber nicht so vorstellen, wie die Variante, die gerade neben Euch in der Zimmerwand wohnt, sondern mehr mit so länglichen Öffnungen. In diesem Fall auch nur zwei an der Zahl. Die elektrotechnisch unterwiesenen Personen unter Euch wissen Bescheid!

Es machte ZOSCH!, ich bekam kurz die komplette Leistung der Steckdose in meinen linken Arm geschossen und die Glühbirne der Nachttischlampe verabschiedete sich auch aus der Welt der Funktionierenden. Mir tat der Arm weh, aber viel schlimmer noch: Scheiße, hatte ich ein schlechtes Gewissen. Was würde mein Dad nur dazu sagen, wenn er davon erfährt?!? …lieber mal die Fresse halten, lautete die Devise.

Jetzt hatte ich mit 6 Jahren von Strom ungefähr so viel Ahnung wie Dimmu Borgir Nummer-1-Hits in den Deutschen Single-Charts (10 Jahre später übrigens auch nicht viel mehr. …aber das ist ’ne andere Geschichte). Wie läuft das mit diesem Zeug so? Wirkt das sofort? Oder kriecht dieses Mistzeug wie eine Schnecke auf Wanderschaft zu meinem Herzen, um mich bei Nacht und Nebel in die ewigen Jagdgründe zu befördern? Scheiße, hatte ich einen Kackstift in der Transformers-Schlafanzughose. Aber, wie gesagt, meinem Dad davon zu erzählen war keine Option. Und so lag ich abends mit gefalteten Händen in meinem Bett und flehte den Allmächtigen mit dem kaputten Rasierapparat an, mich leben zu lassen…

Als ich am nächsten Morgen aufwachte und feststellte, dass ich nicht gestorben war, fiel mir ein mittelgroßer Dolmen von meinem unschuldigen Herzen. Erleichterung galore, ich sag’s Euch. Ich war SO erleichtert, dass ich noch vor dem Zähneputzen meinen Stuhlgang vollzog. Also, den Gang zum Beichtstuhl, versteht sich. Ich ging also zu meinem Dad und erzählte ihm so detailliert wie möglich das Geschehene…

Ja, Freunde, der Rest ist wohl offensichtlich: Ich wurde nicht von irgendwelchem Kriechstrom dahingerafft. Aber diese eine Nacht verschaffte mir tatsächlich Todesängste. …und wenn ich heute zwischendurch mal etwas überdreht bin, dann bringe ich die Story gerne als Erklärung dafür. Denn, vielleicht ist er ja doch noch in mir, der Kriechstrom, und tastet sich seeeehr langsam zu meinem Herzen vor. Hmm… na toll, jetzt werde ich wieder nicht schlafen können! Lieber Gott, …

Merci vielmals, dass Sie auch heute wieder eingeschaltet haben. Keep on rockin’! …und Tschüss!
___
(Eure Fragen an mich: springform.herr-schmidt.de)

*…kommt! Den muss ich nicht erklären, oder?!? – Fischer’s Fritz?!? Ja, jetzt höre ich auch den letzten Groschen 10center fallen.

4 Comments

  1. Sehr unterhaltsam und natürlich auch bewegend? Die Frage ist: Wie ist ihr Verhältnis zu Strom heute? Haben sie selbst eine Nachttischlampe?

  2. Wie bitte? Nur einmal eine gewischt gekriegt? Hab mir früher Nachttischlampen selbst gebaut und unter Spannung neu verdrahtet. Man denkt ja nicht immer an den Stecker. Ich fühl mich aber trotzdem noch ganz ok. 😉

  3. Yeah, Herr Schmidt ist wieder da! Schön!

    Zum Thema 2 Anekdoten:
    1. Hatte früher so einen Ghettoblaster, wo das Stromkabel am Gerät nicht fest verbaut sondern abziehbar war. Ich bastel so mit einer kleinen LED an einer 9 Volt Blockbatterie rum und denke mir: wenn die an der Batterie schon hell ist, wie ist es dann mit Strom aus der Steckdose am Kabel vom Ghettoblaster? Resultat: Sicherung raus, LED kaputt, Finger schwarz und zittrig!

    2. Mit einem kleinen Elektromotor einen Rasenmäher selber gebastelt. Dazu 2 Klingen aus Taschenmessern mit Sekundenkleber zusammen geklebt und diese dann an den Motor. Sekundenkleber heißt für mich: ist nach einer Sekunde hart. Also den Motor angemacht, Messer drehen sich immer schneller und flüssiger Kleber fliegt durch die Fliehkraft genau in mein rechtes Auge. Das ganze gegen 23 Uhr abends und meine Eltern denken ich penne. Ich also ins Bad und Auge ausgespült. Dann ins Bett und die ganze Nacht kein Auge zu bekommen weil ich dachte dass mein Auge zuklebt über Nacht.

    Kinder sind schon….. blöde!

  4. @ Lenny_und_Karl: Es hat ein paar Jahre gedauert, aber ich habe mittlerweile wieder ein gutes Verhältnis zu Strom, liebes Fräulein L_u_K. Die drei Jahre, die ich in einer südtiroler Berghöhle – ohne fließend Wasser und Strom – verbrachte, haben da sicher ihren Teil zu beigetragen. Seit kurzer Zeit habe ich sogar eine eigene Nachttischlampe. …ich muss aber zugeben, dass ich zwischendurch nachts aufschrecke und voller Panik vor eben dieser Lampe aus dem Schlafzimmer renne. ^^

    @ Tom: Ähm… *hust*… der spanische Strom… also… der ist ja auch öhm… viel *räusper* fokussierter! 😉

    @ singhiozzo: Alter! Das sind ja fast schon suizidale Tendenzen. O_O
    …hatte zu Beginn der zweiten Anekdote schon mit dem Schlimmsten gerechnet. Kannst ja im Nachhinein froh sein, dass die Klingen gehalten haben.
    …und was den Rasenmäher angeht… da habe ich auch noch ’ne Story auf Lager… ^^

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*

© 2020 Herr Schmidt.

Theme by Anders NorenUp ↑