Vor ein paar Tagen habe ich auf dem Grabbeltisch einer überregionalen Buchhandels-Kette das Buch „Fairarscht – Wie Wirtschaft und Handel die Kunden für dumm verkaufen“ entdeckt und mitgenommen. Zum Einen, weil mich das Thema interessiert und zum Anderen, weil ich die Autorin Sina Trinkwalder und ihr Engagement für eine regionale und faire Textilproduktion sehr schätze. Über Twitter und Co. habe ich damals den Aufbau Ihres Labels manomama verfolgt und versprach mir ein reflektiertes, aufklärendes Buch…

Nach dem 70 Seiten umfassenden ersten Abschnitt bin ich mir nicht sicher, ob ich das Buch weiterlesen oder weglegen soll. Eigentlich ist gerade ein unbändiger Drang in mir, dieses Buch zu verbrennen. Ernsthaft! Die Aussagen über den Handel und wie er die Konsumenten geschickt in die Richtungen lenkt, die in einem übersättigten Markt einer Wohlstandsnation noch einigermaßen Profit versprechen, sind sicherlich richtig, wenn auch nicht bahnbrechend neu oder gar irgendwie investigativ. Vermutlich fällt aber dem Großteil der Leser dieses Buchs mit jedem neuen Absatz die Kinnlade auf den Schoß, weil sich nun mal die wenigsten Konsumenten Gedanken über ihr Kaufverhalten machen. Das Buch wird also eine Berechtigung haben, da bin ich mir sicher.

ABER muss man in einem Buch, welches sich mit unfairen Produktionsbedingungen, wachsenden Müllbergen, der Privatisierung von Trinkwasser, den hungernden Menschen in Entwicklungsländern und der Ausbeutung unserer Umwelt befasst, wirklich abfällig über Menschen mit Intoleranzen äußern? Muss man sich über die Menschen lustig machen, die nicht nur für sich, sondern eben für das Wohl von Umwelt und Tier, auf eine vegane Ernährung einlassen?

Sina Trinkwalder stellt die deutschen Konsumenten als Fake-Allergiker dar, die nur durch die Wirtschaft und deren Marketing auf ein Mal gluten- oder laktoseintolerant geworden sind. Die Vorstellung, dass der Kauf von gluten- oder laktosefreien Produkten Teil einer insgesamt vielleicht nur gluten-/laktose-reduzierten Ernährung ist und die „Frei-von“-Produkte zusammen mit dem Weizenmehl und der Kuhmilch in den Einkaufskorb wandern, kommt ihr nicht in den Sinn. Einem aufgeklärten Konsumenten ist es sehr wohl bekannt, dass Gluten und Laktose – wie so ziemlich alles – nur in bestimmten Mengen gut ist.

Noch schlimmer als ihre Ansicht zu den Intoleranzen, ist ihre überheblich-altmodische und leider sehr unreflektierte Ansicht zum Thema Veganismus: Sina Trinkwalder stellt die veganen Konsumenten als dumme Schafe dar, die sich die als Lebensmittel getarnten Chemie-Bomben der Industrie und den neu-verpackten Analog-Käse zu überteuerten Preisen aufschwatzen lassen. Den wachsenden Markt belächelt sie als geschickten Schachzug eines Wirtschaftszweigs, während gleichzeitig immer wieder romantisierend von Opas Rauchfleisch und dem selbst gerupften Bio-Hähnchen erzählt wird, und spricht den „glutenfreien“, „eifreien“ und „laktosefreien“ Produkten allumfassend den Geschmack ab. ..zumindest allem, was  sie auf der ANUGA 2015 zu Gesicht bekommen hat.

Wie genau sie sich aber eine gerechte Verteilung der Lebensmittel vorstellt, wenn der Großteil der produzierten Nahrung in Entwicklungsländern in die westliche Tierindustrie wandert und welche Alternative zum Verzicht oder zumindest der drastischen Reduzierung von tierischen Produkten sie sieht, verrät sie nicht. Das ist alles sehr schade, denn sie verprellt mit ihrer romantisch-verklärten und traditionsgeprägten Einstellung, dass ein gutes Stück Fleisch zu einem leckeren Essen und Kuhmilch in den Käse gehört, die Menschen, die von ganz alleine darauf gekommen sind, dass hier irgendwas schief läuft. Menschen, die nicht nur darauf achten, dass ihre Nahrung tierleidfrei ist, sondern die (in der Regel) auch bewusst Kleidung kaufen: fair, nachhaltig, tierleidfrei. Menschen, die sich selbst so aufgeklärt haben, dass man ihnen nicht mehr erzählen muss, wie allgegenwärtig und böse Konzerne wie Nestlé, Coca-Cola, Mondelez, Monsanto und Co. sind. Menschen, die eigentlich dasselbe wollen wie Sina Trinkwalder: Einen transparenteren, verantwortungsvolleren Konsum und eine gerechtere Welt für alle.

Merci vielmals, dass Sie auch heute wieder eingeschaltet haben. Keep on rockin’! …und Tschüss!
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(Jeden Tag haben wir die Wahl und können diese Welt ein Stückchen besser machen. Ganz unabhängig von periodisch wiederkehrenden Stimmabgaben. Just think about it!)