Herr Schmidt.

celebrating the irony since 1982

Gitarrero #2 – Während meine Gitarre sanft weint

Was bisher geschah: #1

Der Schultag ging für meine Begriffe viel zu schnell rum. Ein Umstand, der im Normalfall mit sehr viel Jubeliererei, Fanfaren und kleinen Muffins mit vielen, kleinen, bunten Streuseln oben drauf einhergegangen wäre, aber doch nicht heute. Freunde, ich hatte mich immer noch nicht an den Gedanken gewöhnt, den heutigen Nachmittag mit einer elektronisch verstärkten Streitaxt in den Gichtfingern zu verbringen. Es war ja auch gerade mal 6 Stunden her, dass Niklas sich mir als Meister Miyagitarre angeboten hatte. Wie sollte ich in so kurzer Zeit verarbeiten, dass die Selbstwahrnehmung als gefeierter Rockstar noch an diesem Nachmittag einer weniger ruhmreichen Realität würde weichen müssen?!?

Mit kurzem Zwischenstopp am mütterlichen Mittagstisch ging ich ohne weitere Umwege, Ausflüchte oder Hausaufgaben zu machen zu Niklas. Auf dem Weg fand ich dann mit jedem Schritt mehr und mehr Gefallen an der Idee, bald Gitarre spielen zu können. Klar würde das anfangs etwas unrund laufen und sicher müsste man viel üben, aber wenn man etwas will, dann schafft man das auch. Und ich wollte es SO HART!
Ein Grinsen spannte sich zwischen meinen angewachsenen Ohrläppchen auf, während Manowar „Whimps and Posers leave the hall“ skandierten.

„Ding-Dong“
Niklas machte auf, wir gingen in sein Zimmer und kaum war ich drin, hatte ich die Gitarre umhängen. Fühlte sich gut an. Ich war ein Star! Mindestens!

„Ich hab‘ hier mal ein paar Tabs für Dich rausgesucht, die Dir Spaß machen werden und die auch nicht soo schwer sind. ‚Nothing Else Matters‘, ‚The Bard’s Song‘ und noch ein paar schnellere Sachen für nächste Woche.“

Er hatte es natürlich nicht so fordernd formuliert, aber diese Lernkurve war nunmal jetzt in meinem Kopf verankert. Heute die zwei Songs, nächste Woche ein paar schnellere Sachen, übernächste Woche werden schon die eigenen Songs geschrieben und in spätestens fünf Wochen habe ich den Platten-Deal mit meiner Band „Dark Eden“.

Niklas zeigte mir die ersten zwei Griffe und ich legte los: Finger der linken Hand in Position, mit der rechten ausgeholt und „KAWÖRMELSCHREMP“. Drei Minuten Fingersortierung bis der zweite Griff saß, ausgeholt und „FLIRRRRRMPPPPPP“. Das waren keine Akkorde sondern Verbrechen an der Menschheit, was da aus dem Verstärker kam. Der Platten-Deal musste wohl doch ein paar Tage länger warten… so 3 bis 4.

Immer wieder neu greifen, korrigieren, schrammeln. Immer und immer wieder. Und bereits nach einer halben Stunde hatte ich das Gefühl, ich würde meine Fingerkuppen durch einen Eierschneider pressen. Vielleicht floß sogar Blut. Aber ich hielt durch. …noch ganze drei Minuten. Danach war dann Schicht und ich ging mit Gitarre, Verstärker, Tabs und dem Versprechen ordentlich zu üben nach Hause.

Nichts hält länger als gute Vorsätze. Nichts kommt später als deren Umsetzung. So packte ich die Gitarre zwar mehrmals täglich an, (um mehrere Stunden vor dem Spiegel zu posen) konnte aber keine Übungsfortschritte erzielen (außer beim Posing). Das ging die komplette Woche so, bis zu dem Abend vor unserer zweiten Übungseinheit. Mich plagte das schlechte Gewissen und es erschien mir, als wäre eine Gitarre unter dem Dielenboden vergraben, an der jemand die tiefe E-Saite zupfte. Regelmäßig wie ein Herzschlag. Also griff ich zu dem schwarzen Ungetüm, aktivierte den Verstärker und kämpfte mich Stunde um Stunde durch meine „Hausaufgabe“…

[Fortsetzung folgt…]

Merci vielmals, dass Sie auch heute wieder eingeschaltet haben. Keep on rockin’! …und Tschüss!
___
(Eure Fragen an mich: springform.herr-schmidt.de)

3 Comments

  1. Alles, werter Herr Schmidt,
    eine Frage der Haltung. Erst die Kür, dann die Pflich! Diesbezüglich haben Sie meines Erachtens alles richtig gemacht. Oder anders gesagt: Was nützt das bezauberndste Saitenspiel, wenn die Pose nicht stimmt und Sie auf der Bühne herumhängen wie ein lobotomierter Grottenolm?

    Weiter so!

    Herzlich
    Ihr Schoss

  2. Ich bin schon ganz aufgeregt, wie’s weitergeht! Nicht das du dich noch mit deiner Haarpracht (ich gehe davon aus, dass du die bereits seit der Geburt besitzt) in den Saiten verhedderst….!

  3. Herr Schmidt

    17. Februar 2012 at 15:22

    @ Erdge Schoss: „lobotomierter Grottenolm“, werter Herr Schoss, ist schon jetzt das Wort des Jahres. Also, die Worte, um genau zu sein. Und zwar für 2012 und 2013. Chapeau!

    @ FrauOlsen: Du hast völlig recht: Als ich geschlüpft wurde, sagte der Arzt zu meiner Mutter „Frau Schmidt, es ist ein… Fellball!“ 😉

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