Herr Schmidt.

celebrating the irony since 1982

Meine Karriere als Martinssänger

Der gute, alte Martin von Tours hätte sich 397 auf seinem Sterbebett auch nicht träumen lassen, was mir 1.600 Jahre später zu seinen Ehren widerfahren sollte. Eigentlich hatte ich diesen Zwischenfall ja schon längst verdrängt, bis Silent Bob mich gestern wieder daran erinnern musste. Freunde, Solinger Martinssingen vor 12 Jahren war wie Berlin-Kreuzberg heute…

Man muss wissen, dass mir diese ganze nächtliche Zusammenrottung von befackelten Menschen, die laut singend von Haus zu Haus ziehen, um deren Bewohner mit ihren verbalen Ergüssen zu quälen, schon immer suspekt war. Ich meine, überlegt doch mal, kleine Kinder, die die Lampen anhaben und ohne Unterlass die Abendruhe mit ihren schiefen Liedern stören. Das ist doch nicht schön. Auch wenn man natürlich der Ansicht sein kann, dass dem einen oder anderen Balg zumindest ein Mal im Jahr eine Erleuchtung zu gönnen ist.

Im zarten Alter von vier fragte ich meine Kindergärtnerin, warum wir denn zwei Wochen Bastelarbeit in eine Laterne investieren, die wir nur einen Abend benutzen können. Ich argumentierte, dass die Arbeitsstunden den Nutzen weit übersteigen würden und man selbst bei einem Stundensatz von nur 1 DM (für die jüngeren Leser: Deutsche Mark – Vorgänger des Euro) weit über dem durchschnittlichen Ladenpreis einer gleichzeitig viel schöneren Laterne liegen würde. Gut, zugegeben, so war mir das damals nicht klar, aber ich wusste, dass es viel sinnvoller gewesen wäre die Zeit mit Silke im Sandkasten zu verbringen als mit Kleber und Pappe.

Ein paar Jahre später, ich muss vielleicht sieben oder acht gewesen sein, hatte ich dann auch endlich meine ersehnte, gekaufte Laterne, deren Form und Farbe einer Wandlampe im Bauhaus-Stil ähnelte. Klassisch, eben. Ich entschied mich in diesem Jahr dazu immer als Letzter mit meinem Jutebeutel an die Haustüre zu gehen, und die anderen Kinder etwas vorgehen zu lassen. Sobald ich mir sicher war, dass die anderen mit ihren Schokoladenosterhasen von 1964 und den Billig-Bonbons aus dem Büroartikelversandkatalog außer Hörweite waren, ließ ich die Süßigkeitenverteiler wissen, dass ich es vorziehen würde, den Wert der mir zugedachten Waren in Bargeld ausgezahlt zu bekommen. Den perplexen Blick setzte ich mit dem Argument, dass Süßigkeiten doch Karies verursachen würden und ich mir lieber etwas weniger schädliches kaufen wolle. Freunde, keines der anderen Kinder hat in dem Jahr verstehen können, warum ich keinen Süßkram aber dafür mehr Obst als im örtlichen Supermarktsortiment mit mir herumschleppte.

Wieder einige Jahre später – 1997 – war ich 15 und hatte mit dem Martinszug so viel am Hut wie Milli Vanilli mit dem Singen. Ich wollte nur eins: Sex, Drugs und Rock’n’Roll. Gut, dass sind drei Dinge, aber ich wollte sie. Unbedingt. Bekommen habe ich damals™ aber nichts davon. Statt Sex gab es Rex (den Schäferhund-Kommissar. Kennt Ihr noch, oder?!?), statt Drugs bekam ich Pausenbrote und aus dem Rock’n’Roll war ich herausgewachsen. Wer braucht schon KISS, wenn er Manowar haben kann?!?

Jedenfalls war ich 1997 an besagtem Martinsabend mit Silent Bob unterwegs zu einem gemeinsamen Kumpel und als wir an einem stadtteildominierenden Denkmal vorbei gingen, kam uns ein kleiner Junge mit Migrationshintergrund entgegen. In seiner rechten Hand trug er eine Plastiktüte und in der linken einen Regenschirm. Diesen hatter aber nicht geöffnet, sondern wedelte ihn wie einen Dirigierstock vor sich her. Er trat vor uns und sprach nicht ganz akzentfrei den folgenden Satz: „Ich geh‘ mit meiner Laterne und meine Laterne mit mir, gib‘ Geld!

Ich bin mir gar nicht mal so sicher, ob in dem Satz wirklich ein Komma vorkam, so schnell sagte er ihn auf. Da ich ja schon immer ein Gutmensch war, erklärte ich ihm, dass diese Taktik schon zu meiner aktiven Zeit als Martinssänger nicht funktioniert hätte, obwohl ich rhetorisch feinere Formulierungen verwandte, und das die vermeindliche Laterne ein Regenschirm sei. Aber immerhin ein sehr schöner. Dann gab‘ ich ihm eines meiner Pausenbrote, die ich noch in meiner Manteltasche hatte und ging mit Silent Bob weiter.

14 Comments

  1. Sehr geil diese Geschichte.
    Und ich kann bestätigen, es funktioniert immer noch nicht 😀

  2. War der Regenschirm ebenfalls ein Knirps? Und womit war das Brot belegt?

  3. Immerhin hat er noch den richtigen Spruch aufgesagt. Da sag noch einer, wir hätten ein Integrationsdefizit.

  4. eine eher mäßige winkelsen-imitation.

  5. Ich überlege mir, ob ich „ich gehe mit meiner Laterne“ lieber von KISS oder von Manowar gecovert haben möchte…

  6. Mal abgesehen davon, dass wohl die wenigsten Kinder die Texte dieser gesungenen Lieder auch begreifen, könnte man aus dem Laternen basteln auch darauf schliessen, dass die Pädagogen entweder kleine Pyromane oder eben kleine Kaufleute erziehen.

  7. ey, gib geld oder es gibt süßes! ääähhh… saures! helau, alaaf, nari und naro und gud nacht!

  8. @ mitglied92: Rückblickend kann ich da auch drüber lachen. Aber damals™ – als Kind – war es nicht sooo einfach für mich. 😉

    @ DerTim: Also der Schirm war so’n großes Dingen, den man auch zum Spazierstock zweckentfremden kann. Ob Knirps auch solche herstellt weiß ich nicht. Ich kann mich auch nicht mehr daran erinnern was auf dem Brot war. Vermutlich Salami oder Fleischwurst und definitiv kein Käse. Den mochte ich früher nämlich noch nicht.

    @ Muriel: Sehr richtig. Genau auf diese Fehleinschätzung wollte ich mit diesem Text auch hinweisen. …oder doch nicht?!? 😉

    @ denzel: So, so. Nur weil man mit dem Anspruch ein wenig unterhaltsam zu sein über sein Leben schreibt ist man eine Winkelsen-Imitation. Eine interessante Haltung. Etwas undifferenziert, aber interessant.

    @ SabrinaS: Ich konnte die vergangene Nacht nicht schlafen weil Sie mich mit dieser Entscheidungsfrage konfrontiert haben, liebes Fräulein S. Ich kann mich einfach nicht auf eine Band festlegen. Kiss würden eine große Glam-Rock-Disco-Farce daraus machen, während Manowar einen episch-peinlichen Heldenmythos generieren würden. Beides wäre großartig!

    @ Vivienne Vernier: Eine schöne Theorie, liebe Frau Vernier. Ich bin sehr froh, dass ich Kaufmann geworden bin und kein Pyromane. Wobei es im Laufe meiner Jugend andere Tendenzen gab…

    @ Pssst!: Alles in Ordnung, liebe Frau Pssst!?!? Sie scheinen ein wenig durch den Wind zu sein. Haben Sie wieder zu lange an der Höhner-CD gelauscht?!? 😉

  9. Beides wäre grossartig! Aber sowas von!!

    P.S. das mit dem Fräulein…ist schon ein paar Jährchen her, Herrlein Schmidt… ^^

  10. Was für ein Denkmal nur?? Der BK? 😉

    @denzel: Normalerweise halte ich mich auf anderen Blogs zurück, aber das fällt mir hier etwas schwer. Die Geschmäcker sind verschieden und mir persönlich gefällt Herrn Schmidts Art zu schreiben besser als die von MC. Und wenn dir das was du woanders liest nicht gefällt, dann schließ dich doch bitte in deiner kleinen Winkel-Welt ein und werde dort glücklich ohne bei anderen rumzustänkern. Was allerdings nicht heissen soll, dass du deine Meinung nicht vertreten darfst, nur kannst du das sicherlich auch auf elegante Weise tun.

    @ Herr Schmidt: Sollte ich mit meinem Kommentar über deine Blog-Netiquette hinausgeschossen sein, dann lösch ihn bitte einfach! 🙂

  11. Ich bin der festen Überzeugung, dass ich damals beim Martinsgesinge Geld statt Süßigkeiten bekommen habe. Und das OHNE explizit darum zu bitten. Vielleicht waren die 64er Osterhasten auch schon alle. Und ja, es waren auch DM 😉

  12. Sei froh, dass du am Martinstag über Martin schreiben kannst, weil die Martinssänger unterwegs sind. Bei uns hier draußen singen die Martinssänger einfach mal 3 Tage später. Nämlich heute. Und sie wollen kein Geld, sondern tanzen um ein Feuer herum. Warum? Keine Ahnung. Oder doch, vielleicht sind sie auch dahinter gekommen, dass es sich nicht lohnt für eine solchen Stundenlohn. Die machen halt gleich ein großes Feuer und sparen sich die Bastellei. Tja, so ist das hier draußen. Peace und hoffentlich gibt’s heute Sex, Drugs und Rock’n’Roll. Wenn nicht, versuch’s doch mal mit ner Laterne 😉

  13. Mit Silke im Sandkasten, werter Herr Schmidt – bei dem Dreckswetter?

    Herzlich
    Ihr Erdge Schoss

  14. @ SabrinaS: Dann, liebe Frau S, nehme ich die zwei Punkte und das „lein“ wieder zurück, wasche es gründlich, gehe mit dem Bügeleisen darüber und lege es wieder in den Schrank; für jemand, der es gebrauchen kann. 😉

    @ Sabine: Hier darf jeder grundsätzlich erstmal seine Meinung sagen. Und da Du Denzel nicht beleidigt hast sondern nur seine Sprache gesprochen, sehe ich keinen Grund Deinen Kommentar zu löschen.

    @ Smikey: Ernsthaft?!? Es gab monetäre Spenden in den Beutel?!? Verdammt! Was habe ich falsch gemacht?!?

    @ Tanja: Um ein großes Feuer herumtanzen… Hm… Das erinnert mich irgendwie eher an Walpurgisnacht oder dergleichen. Aber aus rein kaufmännischer Sicht könnte das mit dem Lagerfeuer wirklich rentabler sein als die ganzen Laternen. Die Frage ist nur: Kommen Leute dort hin, um Süßwaren abzugeben? Sonst gibt es ja keinen Gegenwert zu den Ausgaben für Feuerholz und Streichhölzern. 😉
    Heute kann ich mich nicht beklagen. Sex, Lachs und Rock’n’Roll – alles dabei! ^^

    @ Erdge Schoss: Heute würde ich das nicht mehr machen, werter Herr Schoss, aber als Kind muss man ja nicht selber waschen.

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