Herr Schmidt.

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Offener Brief

Sehr geehrter Herr Sieckmeyer,

ich darf Ihnen meinen herzlichsten Glückwunsch aussprechen. Ihr Beitrag über „Projekt Revolution“ in der heutigen Ausgabe des Solinger Tageblatts war die mit Abstand schlechteste Konzertkritik, die ich jemals gelesen habe. Und glauben Sie mir, als musikaffiner Mensch ohne Genre-Spezialisierung habe ich schon verdammt viele Kritiken gelesen.

Aber was macht Ihre Kritik so besonders?!? Gut, zum einen waren Sie anscheinend so gut vorbereitet, wie eine allgäuer Milchkuh auf den sonntäglichen Gottesdienst der katholischen Kirche im Kölner Dom. Mal ehrlich, werter Herr Sieckmeyer, wo haben Sie sich denn bitte schön die Informationen hergeholt? Haben Sie im Piranha-Magazin recherchiert? – Der Frontmann von Linkin Park heißt zwar tatsächlich Charles, allerdings mit zweitem Vornamen. Jeder qualifizierte Musikjournalist, ach was sage ich, jeder Mensch, der Wikipedia kennt, hätte den bekannten und verbreiteten ersten Vornamen genannt, nämlich Chester.

Wenn jetzt nur der Vorname von Mister Bennington ‚falsch‘ gewesen wäre, hätte ich da einfach drüber hinweg sehen können, aber Sie, mein lieber Herr Sieckmeyer, haben ja auch direkt mal den ersten Hauptact N.E.R.D. falsch benannt, in dem Sie Pharrell & Co. als „The Nerd“ bezeichnet haben. Hei-jei-jeijeijei, ist das bitter! Fast so bitter, wie danach zu behaupten, dass man diese Band getrost hätte weglassen können. Herr Sieckmeyer, waren Sie überhaupt auf dem gleichen Event, wie ich?!? Denn, obwohl ich de facto Rock’n’Roll und nicht Hip-Hop bin, haben mich die Jungs sehr begeistert und man muss als objektiver Beobachter akzeptieren, dass keine der vorhergehenden Bands die Massen so gerockt hat, wie es N.E.R.D. getan haben.

Wo wir gerade dabei sind: Wieso haben Sie eigentlich kein einziges Wort über die Vorbands verloren?!? Könnte es sein, dass Ihnen Gruppen wie The Bravery oder The Used nicht bekannt sind?!? Müssen Bands erstmal mehrere Platin-Alben besitzen, um von Ihnen erwähnt zu werden oder warum benennen Sie Inner Party System nicht? An dieser Stelle möchte ich auf Herrn Schuknecht verweisen, der in der heutigen Ausgabe der Solinger Morgenpost genau einen Satz brauchte, um die nachmittags spielenden Bands zusammenzufassen.

Interessant ist übrigens auch, dass Sie, geschätzter Herr Sieckmeyer, offensichtlich keine Ahnung davon hatten, wo Sie am Samstagabend waren. Wahrscheinlich ist Ihr Chef-Redakteur freitags nachmittags zu Ihnen gekommen und hat Ihnen gesagt: „Sieckmeyer, altes Haus, morgen Abend gehen Sie mal schön zu Linkin Park und dann will ich hier sonntags ’nen Bericht sehen!“ Ja, und dann kann man natürlich nur davon ausgehen, dass es sich um ein Konzert besagter Band handelt. Dabei hätte ein kurzer Suchauftrag bei Google auch Sie davon in Kenntnis setzen können, dass es sich bei dem Event am 28.06.2008 um ein Mini-Festival handelte, welches von Linkin Park (bzw. deren Management) initiiert wurde und dieses Jahr drei Mal in Deutschland stattfindet.

Ach, Herr Sieckmeyer, ich glaube Sie könnten noch sehr viel von Herrn Schuknecht lernen. Nicht nur, dass Ihr Kollege von der Rheinischen Post „Projekt Revolution“ richtig interpretiert hat, er hat auch ein besseres Zeitgefühl. Während Sie – pardon Monsieur – alter Nörgelpeter den Auftritt des Hauptacts mit knapp 60 Minuten für viel zu kurz halten, beziffert er ihn mit realistischeren 90 Minuten. Ich möchte aber an dieser Stelle gerne zugeben, dass die Wahrheit wohl irgendwo dazwischen liegt. Es war aber definitiv ein ausreichend langer Auftritt für so ein Mini-Festival.

Wäre es eine gerechte Welt, hätte ich Ihren Presseausweis, aber „das Leben ist, wie man so hört kein Ponyhof, kein Wunschkonzert“ und deshalb sitze ich auf der lesenden Seite der Zeitung und muss an einem Montagmorgen so eine musikjournalistische Sprühwurst, wie die Ihre lesen.

In der Hoffnung auf Besserung verbleibe ich

mit freundlichen Grüßen,

Ihr Herr Schmidt

PS: Den Song der Band HIM, den Sie genannt haben, heißt übrigens „The Funeral Of Hearts“ und nicht „A Funeral For A Heart“ oder was auch immer Sie da geschrieben haben. Nur so als Info…für’s nächste Mal.

16 Comments

  1. Arbeitet Herr Schuknecht nun bei der Solinger Morgenpost oder bei der Rheinischen Post? 😀

    Schickst Du den Brief auch an das Solinger Tageblatt?

  2. Sehr schön Herr Schmidt! Ich liebe offene Briefe.
    Aber, ich bitte um Pardon, du bist ja auch selber schuld! Warum liest du denn nur das STB? Es hat schon seinen Grund warum das STB-Jahresabo 245,50 Euro und das der SMP 264,00 Euro kostet. 18,50 Euro können bei Qualitätsfragen schon das Zünglein an der Waage sein… 😉

  3. Gut so Herr Schmidt. Geben Sie es diesen Dilletanten.

  4. Schmidtchen – das hast du GUT gemacht! (clap) !!

  5. Du liest dir tatsächlich Konzertberichte im Solinger Tageblatt durch? Du musst doch wissen dass da nur Schund steht.
    Merke:
    Filmkritiken im ST funktionieren nach der „Round-and-Round-it-goes“ Methode. Heißt: Schlechte Kritik = Geiler Film, gute Kritik = Einschlafkino oder Frauenfilm der ganz harten Sorte (eine Mischung aus „Das Leben der Amelie“, einem Spätfilm auf Arte und einer Dokumentation über das zweitausendste Schachturnier von taubstummen Bettelmönchen aus dem Akaishi-Gebirge.).
    Was will man da erst von Konzertkritiken erwarten?

    Mal davon abgesehen habe ich solche Kritiken nie verstanden…da schreiben Leute die Tschaikowski für einen polnischen Fussballspieler halten eine Kritik über den Schwanensee und Menschen die bei Status Quo an ihr großes Latinum denken schreiben eine Kritik über das „Best-of Album“ von Led Zeppelin. Irgendwie sonderbar…

  6. Eine recht sonderbare Kritik für eins der besten Events, in dem ich je war. Außerdem sollte der werte Herr nicht aus den Augen lassen, dass das „Konzert“, wie er es zu betiteln pflegte, fast 7 Stunden gedauert hat. Vielleicht war aber auch schon das eine Zumutung, da er diesen Abend vielleicht lieber mit seiner Lisbeth gemütlich in seinem Gelsenkirchener Barock-Wohnzimmer verbracht hätte, um sich auf seinem 70er-Gedenksofa bei Ludwig van Goethes „La Traviata“ genüsslich zurückzulehnen. Aber ein schaler Nachgeschmack mag nicht weichen. Wird dieses formidable Musical ja nicht von Mirelle Callas sondern Anja Netrebko geträllert… Immer diese neumodischen One-Hit-Tenöre…Ts-ts

  7. Servus Herr Schmidt,

    ich war zwar nicht auf jenem besagten Festival ..die von dir beschriebenen Bands kenne ich nur von youtube oder diversen CD Hörproben bei meinen „Homies“.. die von dir angeschriebene Zeitung möchte ich dahingehend gar nicht kennen .. aber ich glaube behaupten zu können, dass deine beschriebene Kritik wohl formuliert ist und bestimmt der Wahrheit entspricht ..

    Oder mit kürzeren Worten: Ich denke du hast recht!

    Gruß Tobias

  8. Ich muss nochmal eine Frage loswerden:

    Ich bin etwas verwundert. Mein Chef war am Wochenende nach seinen Worten auf einem LP-Konzert (am Samstag)….aber das kann im Leben nicht das gewesen sein, von dem Herr Schmidt hier schreibt…..ich bin verwirrt?! Haben die in Düsseldorf gespielt?

  9. @Floh: Ja, die haben in der LTU-Arena zu Düsseldorf gespielt.

  10. Ich glaube dann spreche ich meinen Chef lieber nicht drauf an. Der hat nämlich mit einem LP-Konzert von 2 Stunden gerechnet….und sich mit seiner Frau sehr darauf gefreut. Und hatte für 7 Stunden Konzert überhaupt gar keine Zeit…

  11. … und ich war kurz davor, das Solinger Tageblatt zu abonnieren!

    Jetzt werd‘ ich nicht.

    Schmidt, coole Schreibe, Dich würden die da nie nehmen.

  12. @ Herr N.: Herr Schnuknecht wird wohl in erster Linie für die Rheinische Post arbeiten. Dennoch ist mein Text fehlerlos, denn die Solinger Morgenpost gehört zur Mediengruppe RP. ^^
    …und die Damen und Herren vom Solinger Tageblatt können sich den Brief ja hier durchlesen. Ich gehe ja doch davon aus, dass die Chefredaktion zu meinen Stammlesern gehört. Das Porto kann ich mir also sparen. 😉

    @ Sabine: Ich persönlich habe weder das ST noch die SM im Abo, bekomme aber beide täglich zu Gesicht. In diesem Vergleich schneidet das Tageblatt tatsächlich meistens eher schlecht ab. Sobald ich meine Butze fertig habe und ein Abo ansteht, wird es wohl die Morgenpost werden…

    @ Frau Ährenwort: Jetzt wo ich weiß, dass Sie hinter mir stehen, liebe Frau Ährenwort, erst recht!

    @ Blabbermouth: Merci vielmals, Dr. Blabber! *verbeug*

    @ Floh82: Grundsätzlich lese ich mir jede Konzertkritik durch, die mich interessiert; unabhängig von der Zeitung, in welcher sie abgedruckt ist. Ja, und natürlich erwarte ich im Solinger Tageblatt keine passionierte Berichterstattung, wie beispielsweise im Musikexpress oder dem Rolling Stone. Ich erwarte aber schon, dass man als Journalist vernünftig recherchiert! Gerade in Zeiten, in denen jeder Hinz und Kunz über das Internet an solche Informationen kommen kann…

    @ kleiner.mops: Chapeau, Madame! So wird es gewesen sein!
    Ich habe gestern übrigens auch ein sehr gutes La Traviata bei meinem Lieblings-Italiener gegessen. Vor-züg-lich! Ich sag‘ es Dir! ^^

    @ Tobias: Danke! Mir geht es da jetzt aber weniger um Rechthaberei sondern darum, dass mich ein derart bescheiden recherchierter Artikel einfach wahnsinnig macht. Das tut mir ernsthaft weh.

    @ Ray: …und jetzt nimmst Du doch lieber das Abo der Solinger Morgenpost?!? – Gute Entscheidung! 😉
    Dank‘ Dir, Ray!! Dann warte ich halt doch weiter auf eine Anfrage vom Musikexpress oder von der Visions oder vom Rolling Stone oder…

  13. Toll, sehr schön! Vor allem der Satz mit dem Presseausweis! 😉

  14. Klasse geschrieben, Herr Schmidt. 🙂

    Hm, Linkin Park scheint bei den Zeitungskritikern nicht so gut anzukommen. Schließe ich aus diese Konzertkritik in meiner Tageszeitung. Eine objektive Kritik stelle ich mir deutlich anders vor. Besonders informativ finde ich das Geschreibsel auch nicht.

    Allerdings gebe ich nichts auf Kritiken, denn: Nur wer selber nichts auf die Reihe bekommt, lässt sich dazu herab, andere Menschen für ihr Tun zu kritisieren. Das ist meine persönliche, überhaupt nicht objektive Meinung. 😎

  15. Ui, der Link, der sich hinter „dieser Konzertkritik“ versteckt, hebt sich ja richtig deutlich vom übrigen Text ab. :mrgreen:

  16. @ Parkster: Danke, danke! Leider werde ich dennoch keinen eigenen bekommen, befürchte ich…

    @ Frau W.: Wenigstens ist dieser Beitrag auf vernünftig recherchierten Fakten aufgebaut. Das ist ja schon mal was. Und so ganz unrecht hat der Autor ja auch nicht. Ich fand die T-Shirts (und das restliche Merchandise) ebenfalls überteuert und deshalb habe ich mir auch keins gekauft. Wenn andere Fans das aber gerne tun wollen, dann nur zu. Ich gönne Linkin Park jeden Cent – so wie ich es jedem ernstzunehmenden Künstler tue. Die Getränkepreise (4,- EUR für 0,5l) und der Eintrittspreis gingen für solch eine Veranstaltung dafür mehr als in Ordnung…
    Ach, liebe Frau W., wir sollten vielleicht ernsthaft darüber nachdenken, wie wir solche Schergen aus den Zeitungen fernhalten können…^^

    …und den Link habe ich jetzt auch mal hervorgehoben. 😉

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