Herr Schmidt.

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Offener Brief

Sehr geehrte Damen & Herren des Städtischen Klinikums Solingen,

ich möchte mich für den gestrigen, freundlichen Empfang in Ihrer Notaufnahme bedanken. Ihre diensthabende Schwester hat keine Minute gezögert das Gespräch mit ihrer Kollegin zu unterbrechen, um für uns da zu sein. Gut, dass wir bereits eine Weile am Empfangsschalter standen, hat sie vielleicht nicht gesehen und deshalb nicht von sich aus das Gespräch gesucht. Blutende Nasen, Tränen und ein Schockzustand sind ja auch recht unauffällig. Seelenruhig ließ sie sich den Grund unseres Erscheinens schildern und verwies uns auf die entsprechende Station. HNO sollte es sein. Ohne die Personalien aufzunehmen, aber mit dem Versprechen, uns auf der Station zu avisieren, ließ sie uns durch das halbe Krankenhaus ziehen.

Erst durch den langen Korridor und dann von U1 rauf ins achte Obergeschoss. Dort angekommen, ist mir ein Fauxpas unterlaufen, für den ich mich an dieser Stelle entschuldigen möchte. Ich erdreistete mich, die diensthabende Schwester ohne schriftliche Vorwarnung anzusprechen. Meine Schilderung der Situation und die Frage, ob der diensthabende Arzt von der Notaufnahme informiert worden sei, quittierte sie mit einem kurzen & knappen: „Der Doktor ist in der HNO-Ambulanz! Erdgeschoss!“ Freundlichkeit hätte an dieser Stelle auch nur wertvolle Zeit gekostet. Ein vorbildliches Verhalten in diesem Spiel um Leben und Tod. Respekt!

Per pedes zurück zum Aufzug und von dem achten Obergeschoss zurück nach unten. Erdgeschoss, so hieß das Ziel. Schnell war auch die HNO-Ambulanz gefunden und meine vor Schmerzen wimmernde Begleitung ergatterte sogar einen der raren Sitzplätze. Eine Krankenschwester war für die Ambulanz an diesem Tage nicht vorgesehen, erfuhr ich von den bereits wartenden Patienten, aber ich könnte sicher sein, dass wir als vierte dran wären. Alles der Reihe nach. Recht so! Deutsche Tugenden sollten auch nicht vor einem Krankenhaus halt machen. Erst recht nicht, wenn sie mit der Einsparung von Personalkosten einher geht. Da muss man dann als Patient auch mal zurückstecken. Wir alle wissen ja wie es ist: Menschen gibt es genug, aber das Geld ist immer knapp.

Ein Humanist, wie ich es bin, der obendrein noch rebellische Tendenzen hat, kommt in einer solchen Situation aber ein wenig ins Zweifeln. Ich dachte mir, Herr Schmidt, die freundliche Dame aus der Notaufnahme wollte euch ja avisieren, also frag den Arzt doch einfach mal, wenn er sich blicken lässt. Nach ca. fünf Minuten öffnete sich die Türe zum Behandlungsraum und noch bevor der werte Herr Doktor „Der Nächste bitte!“ rufen konnte, stellte ich mich kurz vor und erkundigte mich ob der Vorankündigung. Ja, und das wird sie jetzt freuen, liebe Verantwortliche, trotz offensichtlichem Migrationshintergrund, hat ihr behandelnder Arzt die deutschen Tugenden mehr als verinnerlicht. „Hier geht es der Reihe nach!“ so seine knappe Antwort. Sehen Sie mir bitte nach, dass ich in diesem Moment ein wenig die Contenance verloren habe. Ich stellte die Tugenden in Frage und schlug eine Behandlung nach Dringlichkeit vor. Weiterhin verwies ich auf das Häufchen Elend, welches meine Begleitung war. Er blickte in ihr schmerzerfülltes Gesicht und erklärte mir, dass eben auch jemand dagewesen sein, der sich die Seele aus dem Leib gekotzt hätte, und das so etwas ja wohl eine höhere Dringlichkeit gehabt hätte. Ach ja, ich schwelge auch gerne in der Vergangenheit, aber manchmal – gerade in der Notfallambulanz – sollte man aber doch eher im Hier und Jetzt sein. Hätten die anderen wartenden Patienten nicht von sich aus gesagt, dass sie uns vorlassen, würden wir wahrscheinlich heute noch im Warteraum sitzen.

Der werte Herr Doktor ließ meine Begleitung in den Behandlungsraum eintreten, befasste sich aber lieber weiter mit Grundsatzdiskussionen als mit der Patientin. Als ich ihn höflich fragte, ob er weiter diskutieren oder seinem Job nachgehen wolle, ließ mich wissen, meine Begleitung nur zu behandeln, wenn ich den Raum verlassen würde. Soweit ich informiert bin, ist die Verweigerung der Behandlung rechtswidrig. Sehen sie mir bitte nach, sehr geehrte Damen und Herren, dass ich gerade keinen entsprechenden Paragraphen zur Hand habe, aber ich bin mir sicher, mit dem entsprechenden Rechtsbeistand findet sich dieser sehr schnell. Jedenfalls handelte ich im Sinne der Patienten – einer musste das in diesem Krankenhaus ja machen – und verließ den Behandlungsraum. Vor der Tür konnte ich aber jedes gesprochene Wort zwischen dem HNO-Arzt und meiner Begleitung mitbekommen. Ob das im Sinne des Datenschutzes ist …ich bin mir nicht sicher. Sicher ist dagegen aber, dass der werte Herr Doktor sich zu Beginn mehrmals im Ton vergriff. Die Tatsache, dass er mit mir aneinandergeraten ist und sein gekränktes Ehrgefühl an meiner Begleitung ausließ, kann ich in keinster Weise tolerieren. Seien Sie sich sicher, dieses Schreiben ist nur der Anfang. Wir erwägen weitere Schritte gegen den diensthabenden Doktor.

Ich könnte jetzt noch mehr über den weiteren Verlauf des gestrigen Besuches, die fundamentale Bedeutung des 10-Euro-Scheins und Odysseen durch Ihr Gebäude berichten, aber das erzähle ich dann mal in Ruhe bei einer Tasse Kaffee. Zusammenfassend kann ich nur sagen, die Notaufnahme im Städtischen Klinikum Solingen, hat den Namen wohl deshalb, weil man sich eine derartige unmenschliche, patientferne Unorganisiertheit nur als Notlösung aufsuchen sollte.

Erschüttert,

Ihr Herr Schmidt

16 Comments

  1. Oh jeeee! Ich hoffe Ihrer Begleitung geht es aber wieder etwas besser?!

    Sie hätten jedoch gewarnt sein sollen:
    http://www.dieolsenban.de/blog/2007/10/30/stadtisches-klinikum-solingen-part-iii-oder-was-mir-dort-sonderbares-widerfahren-ist/

    Für mich steht fest: Solange ich es selber entscheiden kann nie wieder das Klinikum Solingen! Egal ob Erwachsener oder Kind!

  2. Ja, es gab wohl Gründe warum meine Mutter damals die Haaner Klinik bevorzugte um mich zu gebären.

    Das Krankenhäuser nicht „Gesundungseinrichtung“ heißen, hat auch seine Gründe. Spätestens nach meiner Weisheitszahnentfernung weiß ich: Krankenhäuser sind Folterstationen und die Menschen die dort arbeiten Folterknechte.
    Amnesty International übernehmen Sie!

    Gute Genesung an Ihre Begleitung und ich hoffe es ist nicht so schlmm wie es sich anhört.

  3. es muss ein wahrlich schlechter arzt gewesen sein. ein guter arzt hätte zuerst mal gefragt ob SIE, werter herr schmidt, ihre begleitung so zugerichtet haben.

  4. Hättest den werten Herrn Doktor mal fragen sollen, ob er sich schon mal mit den Kommunikationsleitlinien vertraut gemacht hat… Die denken immernoch sie wären Götter in weiß. Zum Kotzen ist das. Beschwer Dich bei der Pressestelle des Krankenhauses und bei der Leitung. Viel Erfolg.

  5. Und natürlich gute Besserung an die werte Dame!

  6. Au Mann! Ich hoffe, Deiner Begleitung geht es trotz all dem mittlerweile besser!

  7. In solchen Situationen immer auf ungenügende Blutstillung achten. Die haben’s nicht gern, wenn man ihnen die Fussböden mit Blut verkleckert und nehmen einen schnell dran, auch weil sonst die ganzen anderen Patienten zu kotzen anfangen. Bei Nasenbluten unbedingt manuell auch etwas Blut um die Ohren schmieren – ein Schädelbruch bringt einen rasch weiter…

    Und ach ja: Die Triage ist Sache des Arztes, nicht die der Patientenfahrer. 🙂

  8. Die hätten sich aber umgucken können, wenn meiner wunderschönen Nase etwas zugestoßen wäre. Außerdem glaube ich ja, dass jeder Mensch einmal einen Mops retten möchte.

  9. In den Vereinigten Staaten von Amerika, werter Herr Schmidt,

    könnten Sie jetzt ganz entspannt eine Millionenklage auf den Weg bringen …

    Herzlich
    Ihr Erdge Schoss

  10. Westpfalz-Johnny

    9. April 2009 at 13:14

    Zum Glück liegt Solingen nicht in der Westpfalz, werter Herr Schmidt.

  11. menschenskinder, wenn man euch mal aus den augen läßt habt ihr nur dummes zeug im kopp!!!! gute genesung der holden begleitung…..(schon mal überlegt private versicherung ins auge zu fassen? hab gehört, da sind die alle auf einmal vieeeeel freundlicher! 8-))

  12. Ich weiss leider nicht besonders viel ueber das Verhalten des diensthabenden Personals im Solinger Klinikum, aber ich kenne mich bestens mit den Vorgaengen in der Notaufnahme des Uni-klinikums Duesseldorf aus. Darf ich sagen dass dieses mich leider nicht sonderlich ueberrascht?

    Hoffe dass die folgende Behandlung trotz allem Erfolgreich war.

  13. Vor solchen Situationen, wie du sie schilderst, habe ich total Angst. Ich kenne mich: ich verpasse den Punkt, an dem man aufstehen und sich beschweren muß. Viel zu lange nehme ich alles hin und ärgere mich später doppelt.
    Ich finde es sehr gut, wie du das gelöst hast. Allerdings wäre ich nicht rausgegangen, sondern hätte vermutlich das KKH gewechselt und später eine Anzeige gemacht. Schwierige Situation.
    LG, Svenja

  14. Ich habe ein halbes Jahr in einem Klinikum gearbeitet und ich kann ihnen nur zustimmen Herr Schmidt. Die Zustände sind katastrophal. Man sollte jedoch nicht dem Klinikpersonal die Schuld dafür geben, denn die gehen meist schon auf dem Zahnfleisch. Wofür man früher noch 3 Schwestern einsetzte, gibt es heutzutage nur noch eine.

  15. @ sprachschätzchen: Ich selbst habe dort auch schon mehrfach negative Erfahrungen gemacht und würde die Lukas-Klinik dem Städtischen vorziehen, aber die Nähe spricht einfach dafür…

    @ Floh82: Auch meine Mutter zog das benachbarte Umland vor, um mich zu gebären. Gut so, wer weiß was sonst aus mir geworden wäre… 😉

    @ Maak: Da ich dem diensthabenden Arzt nach seiner unprofessionellen und menschlich fragwürdigen Aktion keine Gewalt angedroht hatte, stellte sich diese Frage wohl nicht, werter Herr Maak. ^^

    @ die_schottin: Jetzt, wo die Leidtragende nicht mehr auf die Gunst des Hauses angewiesen ist, kann die Beschwerde abgeschickt werden. Sie soll ja nicht noch weiter unter den Problemen der Ärzteschaft leiden.

    @ Katze mit Hut: Nun ja, sagen wir den Umständen entsprechend.

    @ Ray: *rofl* – Sehr gut! Das nächste Mal rufe ich zuerst Dich an, bevor ich irgendwas anderes unternehme. Ich habe nämlich tatsächlich erst die Blutung gestillt und dann sofort das Krankenhaus aufgesucht. Laut Doc hätte die Nase vorher unbedingt gekühlt werden müssen…

    @ kleiner.mops: Gerade Männer, liebes Fräulein Mops, retten bevorzugt Möpse aus der Gefangenschaft. Wussten Sie das?

    @ Erdge Schoss: Und in der Bundesrepublik Deutschland, werter Herr Schoss, kann ich froh sein, wenn sich irgendjemand überhaupt für meine Beschwerde interessiert.

    @ Westpfalz-Johnny: Wie darf ich das verstehen, werter Westpfalz-Johnny?

    @ little-wombat: Hm, eine Privatversicherung bringt ja auch nur dann etwas, wenn die Patientendaten aufgenommen werden. Dieses ist aber erst vom Arzt(!) kurz vor der Behandlung passiert…und nicht etwa in der Notaufnahme.

    @ chipkali: Die Sparmaßnahmen treffen leider alle Krankenhäuser. Es ist ja auch nicht die Schuld der Ärzte, dass keine Schwester in der Ambulanz war. Das ist Sache der Verwaltung. Problematisch ist aber das Verhalten des Docs!

    @ Svenja: Wäre der Notfall weniger akut gewesen hätte ich von Vornherein ein anderes Krankenhaus aufgesucht. Im Nachhinein hätte ich aber wirklich im Behandlungsraum bleiben und – im Falle der Nichtbehandlung – den Arzt in Grund und Boden verklagen sollen.

    @ Dergeschichtenerzaehler: Die Ursache des Stresses ist mir sehr wohl bewusst, aber Verständnis für die Reaktion des Arztes und die Unorganisiertheit in der Notaufnahme kann ich dennoch nicht aufbringen.

  16. Ich bewundere Ihre Wortwahl.
    Danke für diesen offenen Brief.

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