Herr Schmidt.

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Von dem Versuch, ein Angebot wahrzunehmen

Freunde, ich fühle mich wie in einer Live Action Roleplay Variante von „Nepper, Schlepper, Bauernfänger“.  Fehlt nur noch, dass Eduard Zimmermann um’s Eck kommt und mich korrigiert, dass die Sendung in Wahrheit „Vorsicht Falle!“ hieß.

Dabei fing alles so schön an: Ich blätterte durch das Prospekt einer weit verbreiteten Multimedia-Kaufhaus-Kette, während lauwarme Sonnenstrahlen meinen nackten Unterarm liebkosten und ein frisch gezapfter Kaffee seinen unwiderstehlichen Duft im Raum verbreitete. Im Fernsehen lief derweil ein Bericht über junge, tapsige Pandabären und das Gehalt war auch schon auf dem Konto. Alles war so perfekt! Und dann stieß ich auch noch auf ein wirklich, wirklich, wirklichwirklich, wirklichwirklichwirklich interessantes Angebot:

Mobilfunk-Angebot

LTE Internet-Flat 1000 für 4,99 €/mtl. ohne Anschlussgebühr + 75 € Gutschein Card

Diese kleine LTE-Bimmelbommelei war ideal für mein Tablet, welches sich bis dato von WLAN zu WLAN hangeln musste, um mit dem Mutterkonzern oder der NSA oder Tante Elfi ihrem Toaster zu telefonieren. Endlich unabhängig von Starbucks und dem Heimat-Funknetz der eigenen vier Wände nicht nur auf dem Handy über neue  Ergebnisse meiner Shpock-Suche nach gebrauchtem Feuerholz informiert werden. Oder sofort die aktuellen Fahrtzeiten zu Orten von Google angezeigt bekommen, zu denen ich gar nicht will. Mensch, dass wäre revolutionär! ….zumindest, wenn wir 1996 hätten. Heute wäre es nur eins: Endlich mal an der Zeit.

Also dübelte ich mein Tablet unter meine Achsel und wackelte zum offerierenden Breitband-Elektronik-Verhökerer.

Guten Tag. Ich interessiere mich für das 4,99 € LTE-Flatrate Angebot mit dem 75 €-Gutschein aus Ihrem gestrigen Prospekt.

Guten Tag. Da schaue ich doch gleich mal. … …kleinen Augenblick… … … …

Der Blick des Blauhelms Blauhemds schweifte vom Monitor zu mir und warf ein Fragezeichen in den Raum, welches er sogleich aufgriff und hinter eine Reihe Wörter stellte:

75 €, sagen Sie?

Ja, so stand es im Prospekt

Hmmm…. bei mir im System steht nur ein 60 €-Gutschein.

A-ha. Da ist mir der 75 €-Gutschein aus dem Prospekt irgendwie näher.

Hmmmm….

Der Mann in blau wechselte den Beratungstisch, fischte sich ein Prospekt vom Stapel, kam zurück, entfaltete dessen ganze Pracht, so dass seine Computerinsel fast komplett unter dem Papier verschwand und tippte auf das besagte Angebot.

Da haben wir es ja. …hm… tatsächlich: 75 €-Gutschein.

Er wandte sich wieder dem Monitor zu und begann zu tippen.

Ich kann Ihnen den gleichen Tarif – ebenfalls Vodafone – auch für 7,99 € im Monat anbieten. Dann würden Sie sogar eine Gutscheinkarte im Wert von 100 € von mir bekommen.

Seine Stimme war voller Begeisterung, seine Augen voller Erwartung. …mein Blick war voller „Willst Du mich verarschen, Du kleiner Rotzlöffel?!? 25 € mehr auf der Gutscheinkarte gleichen doch nicht mal ansatzweise 24 Monate 3 € Mehrkosten aus.„, aber meine Stimme sagte:

Warum sollte ich DAS tun?

So ganz wusste er das anscheinend auch nicht, denn er sagte mehr flüsternd als sprechend: „Na ja, höherer Gutscheinwert…“ und wandte sich wieder seinem PC-Terminal zu.

Da tippte er dann wieder fleißig auf der Tastatur, stellte mir die ein oder andere Frage nach Simkartenformat und Gerätetyp, tippte weiter herum, holte einen Umschlag mit entsprechender Simkarte, tippte weiter herum und sagte dann:

Hmmmm… das ist seltsam… Ich habe hier den Tarif – 24 Monate für 4,99 € – so wie er im Prospekt ist… …allerdings ist das dann nicht von der Anschlussgebühr befreit.

Der Verkäufer blickte mich mit großen Augen an, die direkt aus seinem blauen Hemdkragen zu kommen schienen.

Ja, dann ist da wohl was falsch in Ihrem System, würde ich mal sagen.

Das war nicht die Reaktion, mit der er gerechnet hatte, weshalb er sich lieber wieder dem Terminal widmete und auf der Tastatur rumtippte.

Ich scannte derweil etwas gelangweilt meine nähere Umgebung ab und fand ein DIN-A4-Aktions-Schnuffi von dem Provider, dessen Angebot ich zu bestellen versuchte. Darauf wurde eine LTE-Internetflat für 9,99 € monatlich, die – dank der Aktion – 24 Monate lang um 5 € reduziert und so nur 4,99 € kosten würde, beworben. …Nachtigall, Du kleiner Lump, ick hör‘ Dir trapsen!

Guter Mann, ist dieses Angebot hier“ ich zeigte auf den frisch entdeckten DIN-A4-Aktions-Schnuffi „das gleiche, was im Prospekt beworben wird?

Ja, ganz genau. So ist es.

Aber in dem Prospekt steht doch gar nichts davon, dass sich die monatliche Gebühr nach 24 Monaten erhöht.

Irgendwie schien sich der junge Mann von Minute zu Minute in seinem blauen Hemd unwohler zu fühlen. Glücklich wirkte er jedenfalls nicht, als er das Kleingedruckte des Prospekts durchlas.

Nein, da haben Sie recht. Da steht das leider tatsächlich nicht drin.

A-ha. Das ist aber eine niiiiicht ganz so unwichtige Information, oder?

Ja.

Fassen wir es mal zusammen: Ich stand in dem Geschäft, um einen Vertrag abzuschließen, bei dem bis zu diesem Zeitpunkt außer der Laufzeit nichts so war, wie es im Prospekt angepriesen wurde. Außerdem wurde noch der Versuch unternommen, mir eine Vertragsvariante anzudrehen, bei der ich mich finanziell deutlich schlechter gestanden hätte…

In mir brodelte es! Das konnte einerseits das scharfe „Chili sin carne“ vom Mittag sein oder aber diese Wut, von der ich schon so viel gehört habe.

Hören Sie mal zu, Sie kleiner Schlumpfpimmel, jetzt ist der Spaß hier vorbei. Ihre Rumkasperei können Sie sich für Kunden aufheben, die „Malen nach Zahlen“ für Hochschulmathematik halten. Sie machen mir jetzt dieses Angebot klar oder sagen hier in einer Lautstärke, dass alle Kunden auf dieser Etage es hören „Ja, werter Herr Schmidt, Sie haben völlig recht und es ist mir furchtbar peinlich das zugeben zu müssen, aber dieses Angebot existiert in dieser Form gar nicht. Es ist ein reines Lockmittel, um Kunden in den Laden zu bekommen, damit wir sie dann hier über den Tisch ziehen können.“. Und dann, wenn alle es gehört haben, darf Ihnen hier jeder mal mit einem aufgeheizten Lockenstab auf die Schulter klopfen. Verstanden, Sie Eumel?“ blitzte es in meinen Augen auf, während ich mich mit einem versöhnlicheren „Ich glaube…, ich überlege mir das lieber nochmal.“ verabschiedete.

Dann halt doch wieder von Starbucks zu Starbucks hoppen, um E-Mails abzurufen. Da gibt es jetzt ja auch diese leckeren veganen Falafel-Wraps mit Oliven-Tapenade. …und so betrachtet, macht das dann ja auch wieder Sinn, irgendwie.

Merci vielmals, dass Sie auch heute wieder eingeschaltet haben. Keep on rockin’! …und Tschüss!
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(Platz für eigene Notizen)

3… 2…

…Ende! Keine „1“! Aber „meins“! Nämlich mein neues Alter. Woo-hoooust-hust-röchel!

Tja, Freunde, man wird nicht jünger (es sei denn man ist Benjamin Button) und so langsam ist die Zeit vorbei, in der man langhaarig rebellierend durch die Gegend teenagern kann. Ich werde mich wohl in Zukunft an den Gedanken gewöhnen müssen, meine Freizeit statt bechucked auf Rock-Konzerten, anzugtragend in dunklen Espressokapselautomatfachgeschäften zu verbringen. Was denn sonst?!? …oder „What else?“ wie der große Don Volluto zu fragen pflegt.

…andererseits: Bevor ich auch nur einen Schritt in einen dieser überteuerten Tierquäler-Wasserprivatisierer-Läden setze, um mir deren Müllvollautomaten anzuschauen, gefriert die Hölle, damit Satan höchstpersönlich im rosa Tütü seine Pirouetten drehen kann…
Dann also doch weiter Chucks und RockjundverflixtnochmalRoll. …und Kaffee aus frischen Bohnen. In diesem Sinne:

Merci vielmals, dass Sie auch heute wieder eingeschaltet haben. Keep on rockin’! …und Tschüss!
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(T-t-t-toooooorte!)

Murphy seine Wichsgriffel

Ich weiß gar nicht, ob hier gerade überhaupt irgendein Digitalspielenthusiast mitliest oder ob die nicht doch noch alle mit der Rückendeckung eines gelben Scheins durch Los Santos ganoven. Aber das ist eigentlich auch egal, denn ich werde – so oder so – an dieser Stelle eine kleine Konsolenanekdote aus meiner nicht allzu verstaubten Vergangenheit ins Internetpanorama mauern:

Tendenziell habe ich mit Konsolen-, PC- und Handyspielen ungefähr so viel am Hut wie mit Facebook- und Browsergames… …oder Phablet-Fun-Apps. – Nämlich nüschts. Und dennoch kommt es immer mal wieder dazu, dass ich meine kostbare Freizeit in solch eine perfekt-gerenderte Kombination aus Einsen und Nullen stecke. Allerdings währt meine Begeisterung dafür dann meistens auch nur unwesentlich länger als die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne einer afrikanischen Streifengrasmaus.

Dieses Jahr machte ich es aber Josef seiner Maria nach und kam jungfrauengleich zu einem Spiel, das mich mehr fesselte als meine erste Bondage-Session. Eigentlich wollte ich ja nur mal eben „The Cave“ kaufloaden… (Ihr wisst schon, das Point-and-Click-Adventure von Ron Gilbert, dem Onkel, der Maniac Mansion, Zak McKracken und den ersten beiden Monkey Island-Teile gebastelt hat. Hell, yeah!) Um dies aber überhaupt tun zu dürfen, sollte ich entweder meine Kreditkarte in einem Netzwerk registrieren, das ob seiner Sicherheitslücken mehr Netz als Werk ist, oder micht gefälligst mal eine Runde in Geduld üben und oldschoolesque eine Prepaid-Karte kaufen gehen. Ich entschied mich für Letzteres, da ich mit Fremden nicht so gerne teile. Zumindest keine Kreditkartendaten. Sie ist ja schließlich auch keine billige Hafennutte, die jeder mal benutzen kann, meine Kreditkarte.

Geduldig wie ich nunmal bin, ließ ich sofort alles fallen, schwang mich in das Schmidtmobil und vettelte formeleinsig in die schöne interessante nette Solinger Innenstadt. Kurze Zeit später, als ich mich in Jogginghose und Hausschuhen vor geschlossenen Toren sah, verwarf ich diesen wunderschönen Tagtraum allerdings auch direkt wieder, da es um 23:47 Uhr nicht nur zu spät für Einkäufe, sondern auch für Tagträume ist.

Am nächsten Tag fuhr ich dann aber wirklich in die Blade City und durchkämmte die örtliche Elektrosteppe nach einem Karten-Exemplar. Die Jagd verlief erfolgreich: Erspäht, gefangen, bezahlt, gerubbelt, eingelöst, runtergeladen – easy! So weit, so gut.
Jetzt war es aber so, dass ich mir im örtlichen Elektronikfachmarkt keine Vorbezahlkarte für 12,68 EUR auf das Spiel maßschneidern lassen konnte, sondern mit einer vorgefertigten 20,- EUR-Karte von der Stange vorlieb nehmen musste. DAS führte wiederum dazu, dass ich – nach erfolgreichem Erwerb des gewünschten Spiels – noch ein Restguthaben im Digitalregal stehen hatte. Und da dies für ein Trinkgeld etwas überdimensioniert war, musste es irgendwie anderweitig verpulvert werden.

Nach langem Hin und nur unwesentlich kürzerem Her, entschied ich mich für das Spiel „Just Cause 2“, welches gerade im konsoleneigenen Shop in der Grabbelkiste gelandet war und mein Restguthaben bis auf wenige Cent aufbrauchen sollte. Viel mehr als die Resteverwertung meines Guthabens trug eigentlich auch nicht zu meiner Wahl bei. Da war ich eher emotionslos. Zumal die einzigen Ballerspiele, die ich wirklich mag, die mit dem Prefix „Fuss“ sind.
Aber was muss, dass muss: Geklickt, gekauft, runtergeladen, installiert und mal kurz gestartet…

Damit war die Dose der Pandora geöffnet und das digitale Heroin schoss durch meine Venen. Ich. War. Süchtig. …und zwar instant! Freunde, ich verbrachte von diesem Tag an jede freie Minute damit, die Insel Panau zu erkunden und der dort vorherrschenden Diktatur ein Ende zu bereiten. Ich ballerte, sprengte, fuhr, flog, fiel, schwimmte,schwamm und schwomm. Ich suchte, sammelte, schwang, glitt, rammte und starb. Nur um direkt wieder zu respawnen und mich auf’s Neue ins Getümmel zu stürzen.

Einer der Gründe, weshalb ich mich so in diesem Spiel verlor, war das konsolenweite Achievementsystem, ein anderer, die spielinterne Fortschrittsanzeige. Ich war besessen davon, bei beiden die 100% voll zu machen. Und ich riss Prozentpunkt um Prozentpunkt an mich, kämpfte mich immer weiter an das Ziel heran und… … …

… …BEI ACHTUNDNEUNZIG PROZENT GESAMTFORTSCHRITT UND SECHSUNDNEUNZIG PROZENT DER ACHIEVEMENTS KACKTE MEINE VERDAMMTE FESTPLATTE AB!!!!!1elf
Musste Murphy seine Wichsgriffel denn gerade jetzt auspacken und an meiner Konsole rumgrabbeln?!? Ich hatte natürlich keine Datensicherung und die Daten konnten selbstverständlich nicht mehr gerettet werden… is‘ ja klar.
Tja, und so endete mein erster Anlauf, ein Spiel auf Teufelkommraus komplett zu finishen, damit, dass ich mehrere Tage meines Lebens schlichtweg vergeudet hatte. Verfluchter Mist. Hätte ich auch gleich Ziegen anstarren können. …oder die FDP im Wahlkampf unterstützen.

Und die Moral von der Geschicht‘? – Kinder geht lieber raus statt vor der Konsole zu sitzen. …oder macht gottverdammtnochmal BackUps.
Mir wird das jedenfalls nicht nochmal passieren. Ich widme mich lieber wieder anderen Dingen.
Nachdem ich Diablo 3 durch hab..
Mit allen Charakteren.
Auf allen Schwierigkeitsgraden.
Und 100% aller Achievements

Merci vielmals, dass Sie auch heute wieder eingeschaltet haben. Keep on rockin’! …und Tschüss!
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