Archiv

“266,67 Meilen”

…dachte der Junge mit den schwarzen Chucks als er aus dem Fenster schaute. “Eigentlich gar nicht mal so viel. Aber eben weiter als meine Arme reichen.” Er trank einen Schluck seines Kaffees und blickte in das tiefe Blau auf dem Monitor seines Macs. “Als sich unsere Blicke trafen, bekamen wir einen Moment nur für uns allein; und Mensch und Tier, Gezeiten und Zeit froren in diesem ein. Ein winziger Bruchteil von der Ewigkeit, in den wir unsere Namen eingravieren durften.” Seine Augen richteten sich wieder auf die Welt vor seinem Fenster. “…und in nur 5 Tagen wird sich die räumliche Entfernung der Distanz unserer Herzen anpassen. 266,67 Meilen sind eben 266,67 Meilen zu viel.

Die Elfe aus einer anderen Dimension

…schaute gedankenverloren zu ihrer rechten Seite und erzählte von ihrer bisherigen Reise und den Menschen, denen sie auf ihrem Wege begegnet war. Ihr Blick war dabei auf ein stählernes, mit feinsten Ornamenten verziertes Gitter-Tor fixiert und auf die Hütten, die dorthinter lagen. Der Junge mit den schwarzen Chucks, der bisher nur Augen und Ohren für die Elfe hatte, wandte seinen Blick nun, nachdem sie schon eine ganze Weile dorthin geschaut hatte, ebenfalls dem Tor zu. Er erkannte hinter dem Tor eine lange gerade Strasse, die von unzähligen Hütten gesäumt war. Jede Einzelne sah so aus, wie ihre jeweiligen Nachbarn.

“Es hat den Anschein, als wäre es eine einzige Hütte, an deren linke und rechte Seite man jeweils einen Spiegel halten würde. So ähnlich sehen sie sich.” dachte der Junge und drehte seinen Kopf wieder in Richtung der Elfe.

Genau in diesem Moment löste auch sie sich von dem Tor und sah wieder in die Richtung des Jungen. Als sich ihre Blicke trafen, wurde alles um sie herum still und durch die Magie der Elfe verwandelten sich die grünen Augen des Jungen mit den schwarzen Chucks in pures Gold. Auch wenn dieser Moment nur für einen Augenblick verweilte, kam es den beiden Geschöpfen wie ein ganzes Leben vor.

Als die Geräusche der Umwelt langsam wieder zu den beiden Wesen durchdrangen, machte sich ein zufriedenes Lächeln im Gesicht der Elfe aus einer anderen Dimension breit. Sie richtete ihren Blick wieder auf das Tor und sprach:

“So ein wichtiges Tor, mit einer so unwichtigen Welt dahinter!”

Der Junge lächelte auch und dachte sich, wie recht sie doch habe. Dann nahm er einen weiteren Schluck des süßen warmen Kräutertrunks und gab sich dem Abend diesseits des Tores voll und ganz hin.

Der Junge mit den schwarzen Chucks

…saß am Ende des großen Piers und ließ seine Beine baumeln. Sein Blick wanderte über das weite, offene Meer bis zum Horizont, wo die Sonne langsam versank. Er saß jetzt schon eine ganze Weile an dieser Stelle und dachte nach. Er dachte an das Mädchen mit den roten Lackschuhen, an die himmlische Botschafterin, an die Elfe aus einer anderen Dimension, an den schweigenden Weltenbummler und auch an den Sonnenstrahl aus der Vergangenheit. Er dachte an all’ diese Wesen und ihre Sorgen, Ängste und Träume. Der Junge mit den schwarzen Chucks fragte sich, ob er für jeden einzelnen das war, was er gerne für sie wäre. Er zermarterte sich seinen Wuschelkopf darüber, wie er ihnen helfen könnte und bemerkte dabei nicht, wie der Pier langsam hinter ihm zusammenbrach.

Das Mädchen mit den roten Lackschuhen

…war den ganzen langen Weg gerannt. Die Hände auf die Oberschenkel gestützt, blickte sie nun, nach Luft ringend, über ihre Schulter. Ihr Haar war vom Schweiß durchnässt. Sie hatte Seitenstechen und als sie keuchend an sich herab schaute, musste sie feststellen, dass ihre Hose und ihr Pullover zerrissen waren. Die Haut, die sie durch die Löcher sehen konnte, war mit frischen, blutigen Kratzern übersät. Wieder warf das Mädchen einen panischen Blick über die Schulter, um sich dann aber doch wieder ihren Wunden zu zuwenden. Zu sehr war sie von ihnen überrascht. Sie konnte sich gar nicht daran erinnern unterwegs verletzt worden zu sein. Sie hatte sich nur auf das Rennen konzentriert. Schneller, immer schneller musste es gehen. Immer am Limit. So kann man in kurzer Zeit weit laufen aber eben nur für kurze Zeit. Und jetzt musste sie stehenbleiben. Durchatmen. Sie spürte, wie sie von dem, wo vor sie geflohen war, eingeholt wurde. Ein Gefühl, das ihr die Kehle zuschnürte. Hektisch fuhr ihr Blick nach vorne, dann langsam nach oben. Ein großer Berg und sie stand an seinem Fuße. Sie war erschöpft, verletzt, wollte am liebsten aufgeben.

Das Mädchen mit den roten Lackschuhen richtete den Blick gen Himmel. Ihre Augen wurden feucht, doch sie ließ keine Träne zu. Stattdessen ballte sie die Hände zu Fäusten und schaute erneut zu der felsigen Wand, die vor ihr lag. Zu ihrer Überraschung sah sie in das Gesicht eines Jungen.
“Hey! Ich bin den gleichen Weg entlang gerannt wie Du und ich kann Dir helfen diesen Berg zu überwinden.” sagte der Junge mit den schwarzen Chucks und streckte dem Mädchen seine Hand entgegen.
“Das muss ich ganz alleine schaffen!” antwortete sie trotzig und kletterte auf den Vorsprung, auf dem der Junge stand.
“Das waren damals auch meine Worte.” flüsterte dieser leise zu sich selbst während das Mädchen anfing den Berg zu erklimmen.
Er schaute sie an und sprach mit ernstem Blick: “Du wirst diesen Berg alleine überwinden. Das weiß ich! Manchmal wird es aber Stellen geben, die Dich zweifeln lassen. Genau dann werde ich für Dich da sein. Ich werde nicht von Deiner Seite weichen!”
Das Mädchen mit den roten Lackschuhen sah den Jungen mit den schwarzen Chucks mit funkelnden Augen an und lächelte.
Dann begannen sie gemeinsam mit dem Aufstieg…



Headphones on I made my escape. I’m in a film of personal soundtrack. I’m leaving home and I’m never gonna come back
Art Brut

© 2012 Herr Schmidt | Dieses Blog basiert auf Wordpress und verwendet das Theme Modern Clix von Rodrigo Galindez. Lesespass bieten 615 Beiträge und 7731 Kommentare. champagnerdusche!


website counter