Herr Schmidt.

celebrating the irony since 1982

Tag: Ende

A.l.u.m.n.u.s.

Das Gefühl will einfach nicht kommen. Ich sitze auf meinem Sofa, tippe diese Zeilen und fühle mich genauso ambivalent wie zuvor. Alles ist leer und gleichzeitig überfüllt. Alles in mir ruht in sich und lässt dennoch mein Herz in einer panikartigen Taktfrequenz schlagen. Es ist als hätte ich es noch nicht hinter mir. Wo bleibt die Freude?!?

Vielleicht ist das ein genetischer Defekt, den ich habe – keine Ahnung. Es war schon immer so, dass ich nach erbrachten Leistungen dieser Form keine Erleichterung oder Stolz oder Freude spürte. Sei es das Abitur, sei es meine Berufsausbildung – nach der Abschlussprüfung ging es jedes Mal weiter wie bisher; nur mit ’nem Schriftstück mehr im Ordner. In mir gibt es da diese Stimme, die mir sagt, dass noch viele andere gibt, die es auch durchgezogen haben und viele davon sogar besser als ich. Hinzu kommt, dass ich mir nicht so viel aus diesen Schriftstücken mache. Natürlich ist es schön sagen zu können „Hey, schau, ich habe Abitur“ oder „Hey, sieh‘ her, ich habe ein Diplom„, aber das definiert mich nicht als Mensch sondern nur als Werkzeug.

Wenn ich diese Zeilen so niederschreibe, kommt doch ein Gefühl, das ein kleinwenig stärker ist als der restliche Emotionen-Brei: Wehmut. Ich erinnere mich an die schöne Zeit und die vielen Menschen, die ich ohne das Studium nicht kennen gelernt hätte. Einige sind während des Studiums wieder aus meinem Leben verschwunden, einige werden es noch tun, aber die paar, die bleiben werden, möchte ich nicht mehr missen. Ihr wisst wer Ihr seid und was Ihr mir bedeutet.

In der Eröffnungsveranstaltung des Studiums wurde uns mitgeteilt, dass wir am Ende, wenn wir unser Diplom haben, fett sind, keine Freunde mehr haben und Single sind. Ich habe mir damals geschworen, dass nichts davon eintreten wird und ich eher das Studium schmeiße als meine Freunde oder meine Partnerin zu verlieren. Heute, mit der Gewissheit des Diploms, kann ich sagen, dass ich fünf Kilo leichter bin als zu Beginn und mehr Freunde habe als zuvor. Einzig in puncto Beziehungsstatus sollte die Prognose eintreten. Gerade da, wo ich es am wenigsten erhofft hatte…

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Der Augenblick, in dem aus Gegenwart Vergangenheit wird

Ein letztes Mal schalte ich den Motor an dieser Stelle ab, ziehe die Handbremse und bleibe einen Moment sitzen. Jetzt ein Parkticket zu ziehen würde ein paar Cent mehr kosten und ich habe ja auch noch Zeit. Es ist ganz genau so, wie die unzähligen Male zuvor: Ich rutsche etwas tiefer in meinen Sitz, höre der Musik zu und warte darauf, dass die digitale Anzeige 17:45 Uhr verkündet.

Zieh dir etwas hübsches an und halte meine Hand.
Heute Abend ist der letzte Abend in diesem Land.

Die vier wird zur fünf und ich ziehe den Zündschlüssel. Ein letztes Mal gehe ich zu diesem einen Parkscheinautomaten und werfe Münzen ein. 10 Cent, 20 Cent, 2 Euro – egal welches Geldstück ich versuche, der Automat lässt es durchfallen. „Die letze Runde geht auf’s Haus, mein Freund!“ und zum ersten Mal darf ich kostenlos diesen öffentlichen Kfz-Stellplatz nutzen. Einzig die Parkscheibe muss ich vorzeigen.

Man muss seine Freude teilen –
ohne Gnade und ohne Scham.

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