Meine Karriere als Martinssänger
Der gute, alte Martin von Tours hätte sich 397 auf seinem Sterbebett auch nicht träumen lassen, was mir 1.600 Jahre später zu seinen Ehren widerfahren sollte. Eigentlich hatte ich diesen Zwischenfall ja schon längst verdrängt, bis Silent Bob mich gestern wieder daran erinnern musste. Freunde, Solinger Martinssingen vor 12 Jahren war wie Berlin-Kreuzberg heute…
Man muss wissen, dass mir diese ganze nächtliche Zusammenrottung von befackelten Menschen, die laut singend von Haus zu Haus ziehen, um deren Bewohner mit ihren verbalen Ergüssen zu quälen, schon immer suspekt war. Ich meine, überlegt doch mal, kleine Kinder, die die Lampen anhaben und ohne Unterlass die Abendruhe mit ihren schiefen Liedern stören. Das ist doch nicht schön. Auch wenn man natürlich der Ansicht sein kann, dass dem einen oder anderen Balg zumindest ein Mal im Jahr eine Erleuchtung zu gönnen ist.
Im zarten Alter von vier fragte ich meine Kindergärtnerin, warum wir denn zwei Wochen Bastelarbeit in eine Laterne investieren, die wir nur einen Abend benutzen können. Ich argumentierte, dass die Arbeitsstunden den Nutzen weit übersteigen würden und man selbst bei einem Stundensatz von nur 1 DM (für die jüngeren Leser: Deutsche Mark – Vorgänger des Euro) weit über dem durchschnittlichen Ladenpreis einer gleichzeitig viel schöneren Laterne liegen würde. Gut, zugegeben, so war mir das damals nicht klar, aber ich wusste, dass es viel sinnvoller gewesen wäre die Zeit mit Silke im Sandkasten zu verbringen als mit Kleber und Pappe.
